Oberer Teil von frei verschieden farbigen Alkoholflaschen
Gesellschaft

Alkohol als Bestandteil der deutschen Kultur – ein Erfahrungsbericht

Jeder von uns war sicherlich schon einmal in Situationen wie dieser: Ich sitze im Wartezimmer meines Hausarztes, zunächst allein. Dabei hänge ich meinen Gedanken nach, sehe gelegentlich auf mein Handy und beantworte Nachrichten. Eine Frau kommt herein, grüßt mich kurz mit einem „Moin“ und setzt sich neben mich. Sie greift eine der bereitliegenden Zeitschriften und beginnt zu blättern, liest hier und da ein paar Zeilen. Der nächste Patient betritt den Raum und auch er setzt sich nach einer kurzen Begrüßung. Dann beugt er sich demonstrativ über das Tischchen mit den Zeitschriften und greift sich ebenfalls ein Exemplar. Langsam fühle ich mich unbehaglich, denn: Auch von mir wird eigentlich erwartet, dass ich mir die Wartezeit mit einer der Klatsch- oder Wohlfühlzeitschriften vertreibe. Doch mich interessiert gar nicht, was in der Promiwelt los ist oder wie ich meinen Garten pflege (den ich nämlich gar nicht habe; der grüne Daumen fehlt mir obendrein). Ich widersetze mich also der unausgesprochenen Erwartung und hänge weiter meinen Gedanken nach. Nur versuche ich nun, dabei keine der anderen Personen im Wartezimmer anzusehen.

Warum wurde die Situation für mich unangenehm? Die Erklärung liegt in den Regeln der Gesellschaft: Sie sind nirgends festgeschrieben und doch erwarten wir voneinander scheinbar festgelegte Verhaltensmuster in bestimmten Situationen.  Sowas kommt nicht nur in Wartezimmern vor, sondern begegnet uns im Alltag ständig, ohne dass es uns auffällt. Beispielsweise ist es üblich, fremden Menschen nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken: Wir halten ganz automatisch einen gewissen Abstand (wenn es denn möglich ist) und sehen Fremden in der Bahn oder im Vorbeigehen auf dem Gehweg nicht in die Augen. Beim Bäcker sagen wir nett „Bitte“ und „Danke“, wenn wir unsere Brötchen für das Sonntagsfrühstück kaufen. Und selbstverständlich stellen wir uns hinten an, wenn wir an die Kasse kommen.

Viele solcher gesellschaftlicher Normen und Erwartungen erleichtern unseren Alltag enorm. Sie sind wichtig und sinnvoll. Doch bei manchen Erwartungen besteht Diskussionsbedarf. So wie bei dieser:

Gesellschaftlich erwarteter Alkoholkonsum

Alkohol wird bei uns mit Genuss verbunden und ist Teil zahlreicher Bräuche: Wir begrüßen das neue Jahr mit einem Sekt, genießen ein Glas Wein zum Abendessen oder entspannen beim Feierabendbier. Je nachdem, wo man aufwächst und mit welchen Leuten man befreundet ist, gehört Alkohol fest zum Wochenendprogramm dazu: Abends trifft man sich zum „Vortrinken“ bei Freunden, spielt Trinkspiele wie Flunkyball oder Bierpong, ehe die Gruppe das Geschehen nachts in einen Club oder zum Dorffest verlagert. Nicht selten kommt es vor, dass es manch ein Gruppenmitglied gar nicht mehr bis zur eigentlichen Feier schafft und stattdessen mit einem viel zu hohen Alkoholpegel im Bett landet und seinen Rausch ausschläft.

Ich selbst habe solche Feiern in meiner Jugend zu genüge erlebt und war Teil davon. Es gab etliche Dorffeste, Garagenpartys und durchfeierte Nächte in Clubs. Bis ich mich eines Tages entschieden habe, keinen Alkohol mehr zu trinken – und zwar nicht auf diese „Ich habe zu viel getrunken und brauche mal eine Pause vom Alkohol“-Weise, sondern langfristig. Seitdem hat sich mein Blick auf solche Feiern gewandelt.

„Ein Bier kannst du doch trinken“

Es ist ein gewöhnlicher Samstagabend in einer Bar. Die Runde bestellt Getränke und auch ich werde gefragt, was ich trinken möchte. „Wasser“, ist mein schlichter Wunsch, worauf prompt die nächste Frage folgt: „Musst du heute noch Auto fahren?“. Am liebsten würde ich einfach „Ja“ sagen, um weiteren Nachfragen aus dem Weg zu gehen. Ich versuche jedoch ehrlich zu sein und antworte also wahrheitsgemäß, dass ich grundsätzlich keinen Alkohol trinke. Der überraschte Blick des flüchtigen Bekannten spricht Bände. „Warum denn nicht?“, lautet die Frage, die nun immer folgt. Am Anfang habe ich immer ganz gründlich erklärt, warum es für mich die richtige Entscheidung ist. Dass ich oft einen Filmriss bekommen habe, auch wenn ich noch gar nicht betrunken war. Dass mir der vermeintliche „Spaß“ die gesundheitlichen Folgen wie Leberschäden und das Absterben von Gehirnzellen nicht wert sind. Dass ich viel Sport mache und Alkoholkonsum mich im Trainingsfortschritt zurückwirft. Dass ich das Gefühl des Rausches, die Kontrolle zu verlieren, nicht mag. Doch meistens haben meine Erklärungen auf Unverständnis getroffen. Gerade kurz nach meiner Entscheidung haben Bekannte und auch Freunde immer wieder versucht, mich doch wieder dazu zu bringen, Alkohol zu trinken. „Ein Bier kannst du doch trinken“, hieß es dann. Deshalb antworte ich an diesem Abend nur knapp: „Ach, das ist für mich einfach besser“.  Ein immer noch verständnisloser Blick trifft meinen, doch dann geht der Bekannte an die Bar und bestellt die Getränke und mir ein Wasser.

Immer, wenn ich neue Menschen kennenlerne, kommt früher oder später diese Frage auf, auch wenn ich gar nicht oft in Bars oder Clubs gehe. Nicht selten folgt eine Forderung, die mich darauf aufmerksam macht, dass es von mir erwartet wird, dass ich nun Alkohol trinke. Sei es an Silvester, auf einer Geburtstagsfeier oder einfach beim Essen mit Bekannten, die mich nicht gut kennen und daher nicht wissen, dass ich auf Alkohol verzichte. Verzichten – das ist es genau genommen für mich nicht, denn ich vermisse den Konsum von Alkohol nicht. Seit rund zweieinhalb Jahren habe ich nun keinen mehr getrunken und es gab keine einzige Situation, in der ich dachte, dass ich nun lieber trinken würde, anstatt nüchtern zu bleiben.

Alkoholkonsum als soziale Komponente

Doch warum wird es mir immer wieder als krasser Verzicht ausgelegt? Warum stoße ich so oft auf Unverständnis? Warum wird von mir erwartet, dass ich in bestimmten Situationen Alkohol trinke? Ich denke, die Gründe hierfür liegen wie bei dem Wartezimmer-Beispiel in unserer Gesellschaft: Alkohol ist ein fester Bestandteil unserer Kultur. Bei einem entspannten Abend gehört gerne auch mal ein Bier dazu, am Wochenende macht man vielleicht mal bei einer Weinverkostung mit. Reist man in eine andere Region, gehören nicht nur regionale Gerichte fest zum Programm dazu, sondern auch regionales Bier oder Spirituosen. Und an Silvester stößt man nun einmal mit Sekt an – oder mit Prosecco.

Der Genuss von alkoholischen Getränken ist also ganz klar etwas Soziales: Zum einen sind es die sozialen Zusammentreffen wie Feierlichkeiten, bei denen Alkohol getrunken wird. Zum anderen kann man durch die Wahl des Getränks auch ein Statement abgeben. Ein Bier ist eher etwas Rustikales, Männliches, ein Prosecco hochwertiger als ein Sekt und ein Champagner wiederum hochwertiger als ein Prosecco. Ein fruchtiger Cocktail ist eher etwas Feminines, mit einem Whisky auf Eis verbinde ich erfolgreiche Geschäftsleute (tatsächlich vor allem Männer).

Was sich durch den Verzicht auf Alkohol für mich verändert hat

In den letzten zweieinhalb Jahren bin ich nur noch selten auf Feiern gewesen. Das hat zwei Hauptursachen: Zum einen bin ich einfach ein verdammter Frühaufsteher und spätestens um 23 Uhr meldet sich mein Schlafrhythmus, der mir sagt, dass ich doch bitte langsam mal ins Bett gehen sollte. Zum anderen – und der für mich wichtigere Grund – habe ich keine Lust mehr, mich ständig erklären zu müssen, warum ich keinen Alkohol mehr trinke. Insbesondere auf Partys in meiner Heimatregion, einer sehr ländlich geprägten Gegend, wird extrem viel Alkohol getrunken, viel Schlager gespielt (den man meiner Meinung nach tatsächlich nur betrunken ertragen kann, aber das ist natürlich Geschmackssache) und das Tanzen den Frauen überlassen. Nicht selten haben Partygäste nur ein Ziel: möglichst viel Alkohol zu trinken. Mitunter prahlt man, wie viel Alkohol man verträgt. Auf solchen Feiern fühle ich mich mittlerweile einfach nicht mehr zugehörig. Hier ist der Alkohol ein so wesentlicher Bestandteil des Geschehens, dass ich mich dadurch, dass ich keinen Alkohol trinke, selbst davon ausschließe.

Fruchtiger Cocktail mit Orange
Mit der Wahl unseres Getränks geben wir ein Statement ab. (Foto: Kira Jacobs)

Anders habe ich es inzwischen auf städtischen Feiern erlebt, etwa bei Electro-Festivals. Hier habe ich nur deutlich weniger Menschen erlebt, die so viel Alkohol getrunken haben, dass sie ohne Hilfe nicht mehr gehen konnten. Stattdessen gab es viele Menschen, die einfach nur da waren, um die Musik zu genießen und dazu tanzten – Männer und Frauen. Doch hier ist natürlich nicht alles besser: Einige der Besucher hatten offensichtlich andere Drogen genommen.

Tatsächlich sind solche Unterschiede zwischen Stadt und Land wissenschaftlich belegt: Auf dem Land trinken Jugendliche mehr Alkohol, in der Stadt liegt dafür der Konsum von Cannabis höher.

Mehr Offenheit gegenüber Wassertrinkern

Ich erwarte von niemandem, dass er aufhört, Alkohol bei Feierlichkeiten zu trinken. Ich finde solche Bräuche okay. Doch was ich mir erhoffe, sind weniger strenge Erwartungen. Denn dann könnte ich wieder mehr Freude an Partys haben. Und vielleicht, ganz vielleicht, kann ich dann auch den Schlager aushalten, ohne darüber zu meckern.

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