Lkw der lebende Schweine geladen hat
Meine Sichtweise

Als Veganerin zu Besuch im Maststall und Schlachtbetrieb

Was mich dazu bewegt, mir die Herstellung tierischer Lebensmittel zeigen zu lassen

„Ich möchte einen industriellen Schlachtbetrieb besichtigen“, erzähle ich und treffe in jedem Gespräch aufs Neue auf erstaunte Gesichter. „Warum?“, kommt perplex zurück und zwischen den Zeilen spüre ich die Verwunderung. „Warum tust du dir das an?“, soll die Frage meinen. Oder: „Du bist doch Veganerin, was willst du da?“. Und auch: „Da bekommst du doch sowieso nichts zu sehen“.
Aus der fixen Idee wurde ein Plan, den ich inzwischen umgesetzt habe. Im letzten Jahr habe ich mir zunächst einen Milchviehbetrieb angesehen, etwas später je einen Schweinemast- und Hähnchenmaststall. Und nun war ich in einem industriellen Schlachtbetrieb für Schweine. Auf meiner To-Do-Liste stehen noch die Zucht, etwa von Ferkeln oder Küken für die Mast, und die Eierproduktion.
Ein kleiner Einschub vorab: Alle Betriebe konnte ich ganz legal besichtigen. Dass das möglich sein würde, hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Und auch die meisten Menschen, mit denen ich über das Thema geredet habe, gingen davon aus, dass Landwirte und Mitarbeitende in Schlachtbetrieben niemanden hinter die Kulissen sehen lassen wollen. Doch ich musste meine Schublade, in die ich die Branche und die darin Arbeitenden gesteckt hatte, wieder öffnen und meine Vorurteile überdenken, denn meine Erfahrungen lassen das Gegenteil meiner Annahmen vermuten: Die Menschen WOLLEN erzählen und zeigen, wie sie arbeiten. Sie wollen transparent sein. Sie wollen, dass die Menschen wissen, wo die Lebensmittel, die sie konsumieren, herkommen. Denn sie finden es problematisch, dass Konsumierende keinen Bezug mehr zur Lebensmittelherstellung haben.

Meine Beweggründe: Warum ich die Besichtigungen mitmache

Nun, dass ich als Veganerin der Intensivtierhaltung und der massenhaften Schlachtung von Tieren – vorsichtig formuliert – kritisch gegenüberstehe, dürfte niemanden überraschen. Meine Überzeugung für den Veganismus basiert jedoch zu sehr großen Teilen auf Wissen, dass ich aus Medien wie Dokumentationen bezogen habe. Ich saß also ganz gemütlich in Jogginghose auf der Couch, während mir schockierende Bilder von gedrängten Tieren in übervollen Mastbetrieben, verendeten Rindern auf Lebendtiertransportern, Menschen, die Küken sortieren, um die männlichen zu schreddern, Milchkühe mit vereiterten Eutern und viele weitere Schreckensszenarien gezeigt wurden. Das Problem solcher Schreckensbilder ist, dass sie den Blick auf die Wahrheit verzerren: In der Darstellung in den Medien werden eben eher die Ausnahmen gezeigt, also das, was nicht korrekt läuft, während der eigentliche Alltag in der Landwirtschaft oder im Schlachtbetrieb nur selten thematisch aufgegriffen wird. Das führt dazu, dass das Bild, das man sich bildet, wenn man sich nur auf entsprechende Mediendarstellungen verlässt, von der Realität abweicht. Dabei finde ich persönlich die Bedingungen, die herrschen, wenn alles nach Vorschrift läuft, schon schlimm genug. Kurz gesagt: Ich wollte und will mir ein eigenes Bild machen.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Mir ist bewusst, dass es Verstöße gegen geltende Tierschutzgesetze gibt. Und zwar massenhaft. Journalist*innen und Tierrechtsorganisationen decken immer wieder schreckliche Praktiken auf. So zeigten hunderte Stunden Videomaterial, das im Herbst 2018 veröffentlicht wurde, massive Tierschutzverstöße in einem Oldenburger Schlachtbetrieb. Dort wurden Rinder mit Elektroschocks gequält. Einige Tiere waren außerdem offensichtlich nicht richtig betäubt und erhielten dennoch den tödlichen Stich in die Halsschlagader, durch die die Tiere ausbluten. Laut WDR, der sich wiederum auf die Bundesregierung beruft, kommt es allein bei der Schlachtung von Schweinen bei 0,1 bis ein Prozent der Tiere noch zu Reaktionen vor der Brühung, die darauf hindeuten, dass die Schweine noch empfinden und wahrnehmen können. Das sind durchschnittlich 800 Schweine, die also nicht richtig betäubt sind, wenn sie bereits den Stich in die Halsschlagader bekommen haben und dann in die Brühung kommen. Und zwar an jedem Tag.

Auch in der Milchbranche kommt es zu solch schlimmen Verstößen. Erst Anfang August deckte der BR auf, dass der Verkauf von kranken Milchkühen an Schlachthöfe systematisch durchgeführt würde. Normalerweise dürfen unheilbar kranke Tiere, etwa mit schweren Beinverletzungen, selbstverständlich nicht transportiert und geschlachtet werden. Der BR schreibt anlässlich der Vorwürfe: „Tierschützer und Veterinäre sprechen von einem „kriminellen Netzwerk“, einem Systemproblem. Denn kranke Rinder, wie in den vorliegenden Fällen, müssen am Hof eingeschläfert und entsorgt werden. Das kostet den Landwirt Geld. Verkauft er das Tier aber, verdienen alle daran – vom Bauern über den Transporteur bis hin zum Schlachter. Im Interview mit Plusminus verteidigt einer der beteiligten Bauern im Kreis Stade, der sein Tier besonders brutal behandelt hat, sein Vorgehen: Das sei Wirtschaft.“
Ich möchte die vorliegenden Probleme also keineswegs kleinreden, mir jedoch auch ein Bild vom ganz normalen Alltag in entsprechenden Betrieben machen.

Der zweite Grund, aus dem ich mich für die Besichtigungen entschieden habe, ist der, dass ich es für keine Option halte, einfach wegzusehen. Kein Problem, kein Missstand dieser Welt wurde gelöst, indem Leute es einfach ignoriert haben und jede*r einfach so weiter gemacht hat wie zuvor.
Und schließlich finde ich Dialog wichtig. Was beschäftigt die Menschen, die in der Branche der Herstellung tierischer Lebensmittel arbeiten? Wie denken sie? Wie gehen sie mit der öffentlichen Kritik und dem schlechten Image der Landwirtschaft um? Auf diese Fragen habe ich viele Antworten bekommen.

Wenige Tage altes Kälbchen in der Box
Dieses Kälbchen wächst in einem Milchviehbetrieb auf. Weibliche Rinder kalben im Alter von zwei Jahren das erste Mal und ab dann circa einmal jährlich. (Foto: Kira Jacobs)

Was ich gelernt habe

Was „industriell“ eigentlich bedeutet

In der Theorie wusste ich auch vor den Besichtigungen schon einiges über die Abläufe in den landwirtschaftlichen Betrieben und in der Schlachtung. Es in der Praxis zu sehen, ist dennoch eine ganz andere Erfahrung. Die Abläufe, ganz gleich, wo man nun guckt, sind extrem industrialisiert. Alles wird durch Computer gesteuert, ob es nun die Futtermengen und -zusammensetzungen sind, die Luftzufuhr und Temperatur oder die Zyklen, in denen Milchkühe sich befinden: Mit etwa zwei Jahren kalbt eine Milchkuh das erste Mal. In den ersten rund 100 Tagen nach dem Kalben gibt sie am meisten Milch, bereits nach 60 bis 70 Tagen nach dem Kalben kommt der Besamungstechniker und die Kuh wird erneut tragend. Wie beim Menschen dauert die Schwangerschaft neun Monate. Nur direkt vorm Kalben geben die Tiere keine Milch. Damit die Landwirte den Überblick behalten, welches Tier sich gerade in welcher Phase dieses Kreislaufs befindet, gibt es ein spezielles System, in dem jedes der Tiere eingetragen ist und schnell ersichtlich wird, ob beispielsweise der Besamungstechniker kommen muss.
Auch im Schlachtbetrieb durchläuft das Schwein von der Ankunft bis zum fertig abgepackten Hack (und Tierbestandteilen, die in Deutschland nicht konsumiert werden und daher wahlweise exportiert oder zu Tierfutter verarbeitet werden) ein hochgradig automatisiertes Fließband. Viele Arbeitsschritte bedürfen zwar noch einer echten Person, doch helfen extrem scharfe Messer, Zangen und sonstiges Werkzeug bei der Arbeit. Dieser Details war ich mir vorher nicht bewusst. In allen von mir besichtigten Betrieben spürte ich eine gewisse Begeisterung von den Mitarbeitenden für die jeweiligen technischen Möglichkeiten in ihren Betrieben.

Auch die Herstellung tierischer Produkte wird vor allem von einem geleitet: wirtschaftlichem Denken

Diese Tatsache war jetzt nicht wirklich neu für mich. Die wirtschaftliche Denkweise ist der Grund, warum unsere Landwirtschaft heute so funktioniert, wie sie funktioniert. Dennoch war es für mich interessant, die Perspektive der einzelnen Handelnden zu verstehen.
In der Landwirtschaft beschäftigt die Akteure vor allem eine Frage: der Preis für die Milch oder ihr Tier. Denn die Landwirt*innen sind selbstständig und können oftmals ohne Subventionen gar nicht über die Runden kommen. Kleine Preisschwankungen können darüber entscheiden, ob sich der Hof rechnet oder er Minus macht. Die Folge sind Existenzängste. Ein hohes Maß an Bürokratie schafft ebenfalls eher Unsicherheit, da es – auf die richtige Art und Weise – bewältigt werden muss. Ausgaben für neue Ställe oder Anpassungen durch geänderte gesetzliche Vorgaben stehen in solchen Betrieben zumeist regelmäßig an. Mir stellte sich angesichts dieser wirtschaftlichen Denkweise vor allem immer wieder eine Frage: Ist die Landwirtschaft, wie wir sie heute betreiben, die industrialisierte Landwirtschaft, die export- und profitorientierte Landwirtschaft, die monokulturelle Landwirtschaft wirklich das beste System – für die Erzeugenden, für die Tiere, für die Biodiversität, für das Klima, die Konsumierenden? (An dieser Stelle darf man die Frage rhetorisch verstehen. Es gibt jedoch auch Lösungsansätze, die zeigen, dass unser Landwirtschaftssystem nicht das Maß aller Dinge sein muss.)

Es macht außerdem einen Unterschied, in welcher Art Betrieb man sich befindet. Der Umgang eines Landwirts oder einer Landwirtin mit ihren Milchkühen ist ein ganz anderer als mit einem Masthuhn. Es liegt ja auch auf der Hand: Während die Kuh über Jahre im Betrieb bleibt und somit eine Bindung aufgebaut werden kann, kommt das Masthuhn als Küken an, um nach nicht einmal 40 Tagen von Fängern abgeholt zu werden, die es zum Schlachthof bringt. Und die Mengen sind natürlich andere: In den Milchviehbetrieben werden extrem unterschiedlich große Herden gehalten, von durchschnittlich 39 Tieren pro Herde in Bayern bis durchschnittlich 232 Tieren pro Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern. Doch im Vergleich zu den Hähnchenmastbetrieben sind diese Zahlen ein Witz – dort werden zehntausende Tiere pro Stall gehalten. In der Schlachtung, das versteht sich fast von selbst, kommt es dann natürlich zu gar keiner persönlichen Beziehung mehr.

Auch die Tiere an sich sind hochgradig spezialisiert: Ein Masthuhn wiegt etwa 50 Gramm, wenn es im Mastbetrieb ankommt. Auf dem Weg zum Schlachter, nach 38 Tagen, bringt es dann etwa 2,8 Kilogramm auf die Waage. Eine Legehenne würde dieses Wachstum nie schaffen, weil es nicht darauf spezialisiert wurde. Bei Schweinen ist die Entwicklung ähnlich rasant: Von 30 Kilogramm werden sie in der Mast auf über 120 Kilogramm angefüttert, in rund 100 Tagen. Die Tiere sind also genau für ihren „Zweck“, den die Menschen ihnen auferlegen, gezüchtet: Möglichst schnelles Wachstum, um die Effizienz zu steigern.

Kleines (Zwischen-)Fazit

Natürlich waren es noch viel, viel mehr Dinge, die mir noch viel klarer geworden sind dadurch, dass ich die Besichtigungen gemacht habe. Die Menschen, die in diesen Betrieben arbeiten, sind Expert*innen für das, was sie tun. Das merkt man natürlich. Und für mich war es auch wichtig, um zu prüfen, ob ich mich mit meiner Meinung zu unserem landwirtschaftlichen System auch wirklich – für mich – richtig verorte. Die Antwort ist: Ja. Ja, ich bin immer noch Veganerin. Ich sehe es noch immer kritisch, dass es in einer Branche, die mit fühlenden Lebewesen handelt und die es als seine Aufgabe betrachtet, die Menschheit zu ernähren, Wirtschaftlichkeit und Profit die Faktoren sind, wonach gehandelt wird. Strengere Tier- und Umweltschutzmaßnahmen können nicht umgesetzt werden, weil die Kosten zu hoch sind – noch immer ist es legal, Küken zu schreddern, noch immer werden Schweine ohne Betäubung kastriert und ihre Ringelschwänze kupiert, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich lehne es noch immer ab, dass wir Tiere erschaffen, um sie zu töten.

Was, neben dem Wissen, noch bleibt sind einige Bilder und Gerüche – insbesondere aus dem Schlachtbetrieb –, die ich nicht mehr vergessen werde. Noch Tage nach der Besichtigung hatte ich immer wieder das Gefühl, wieder diesen Geruch wahrzunehmen: Der Geruch nach Tod. So wie es eben riecht, wenn in einem geschlossenen Raum Innereien aus Schweinen herausgeschnitten werden.
Obwohl ich jetzt noch gefestigter in meiner Haltung bin, bin ich immer noch bereit, dazuzulernen und in den Dialog mit den Menschen zu gehen, die in der Herstellung tierischer Lebensmittel arbeiten.

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