Cowspiracy Titelbild mit einer Kuh hinter einem Tor
Ernährung & Umwelt

„Cowspiracy“: Der Einfluss unseres Fleischkonsums auf das Klima

Und warum wir so wenig darüber erfahren

Als in mir der Gedanke wuchs, Vegetarierin zu werden, wollte ich zunächst einen Test starten. Ich nahm mir vor, sechs Monate lang vegetarisch zu leben. Würde es mir leicht oder zumindest nicht allzu schwer fallen, wollte ich nach den sechs Monaten weitermachen. Zur gleichen Zeit habe ich mir eine Dokumentation angesehen: „Cowspiracy – Das Geheimnis der Nachhaltigkeit“. Danach war mir klar, dass ich keine Testphase brauche – meine Entscheidung, Vegetarierin zu werden, stand.

Warum hatte mich „Cowspiracy“ so getroffen?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass Fleischkonsum hauptsächlich schlecht für das Tierwohl ist. Mit weiteren Effekten habe ich mich nicht auseinandergesetzt. So war mir einfach nicht klar, wie groß der Einfluss auf unseren Klimawandel ist. Ich konnte mich also mit Kip Andersen, einer der beiden Produzenten von „Cowspiracy“, identifizieren. Der Film begleitet ihn dabei, wie er herausfindet, dass zum Umweltschutz eine Ernährung ohne Tierprodukte maßgeblich dazugehört. Und das, obwohl er bereits dachte, er würde sein bestes geben, um seinen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten: Fahrrad fahren, Wasser sparen, Müll trennen. Seine Ernährung gehörte bislang nicht dazu.

Meine größte Kritik an „Cowspiracy“ ist, dass der Film so vollgepackt ist mit Zahlen und Daten, dass diese einen vollkommen überwältigen. Die Masse an Zahlen macht es unmöglich, sie sich zu merken, wenn man den Film nur einmal gesehen hat. Was allerdings dennoch hängen bleibt, sind einige sehr klare Botschaften: Der Klimawandel wird zu einem sehr großen Teil durch die Produktion von tierischen Produkten verursacht, doch die Industrie dahinter ist dermaßen mächtig, dass kaum Umweltorganisationen, Politiker oder Landwirte darüber sprechen oder gar dagegen vorgehen wollen.

Ich habe einige der Fakten, die mich besonders überrascht haben, ausgewählt und genauer unter die Lupe genommen. Hat sich, seit der Film 2013 erschien, etwas getan? Und wie sieht es eigentlich in Deutschland aus?

Veganes Müsli mit Beeren und Obst
Welche Rolle spielt unsere Ernährung für die Veränderung des Klimas? Dieser Frage geht "Cowspiracy" auf den Grund. (Foto: Kira Jacobs)

Die Auswirkungen auf das Klima

Fakt 1: Die Hälfte der Ernten aus dem Getreide- und Hülsenfruchtanbau werden an Tiere verfüttert.

Ja, das ist tatsächlich so. Die Tagesschau berichtete im November 2014 ebenfalls davon, dass „fast die Hälfte“ der weltweiten Getreideernte im Futtertrog lande. Auch das Ausmaß der benötigten Fläche für die gesamte Landwirtschaft ist enorm: 51,1 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Das sind 182.637 Quadratkilometer. Diese Zahlen gab das Umweltbundesamt für das Jahr 2016 bekannt.

Damit gehen eine ganze Reihe von Problemen einher: Das verfütterte Getreide steht den Menschen nicht als Nahrung zur Verfügung. Zwar werden die Tiere letztendlich auch geschlachtet und dann von uns gegessen, doch müssen zunächst große Mengen Energie in die Tiere in Form von Futter hineingesteckt werden, ehe das Vieh uns wiederum als Energiequelle dient. Dabei können wir für die enormen Investitionen sehr wenig davon zehren. Das Getreide, das die Tiere fressen, weist hingegen ein deutlich besseres Verhältnis zwischen Investition und Energie-Output auf. Das bringt mich zu

Fakt 2: Eine Milchkuh frisst täglich 64-68 kg Futter und trinkt 115-150 Liter Wasser.

Ähnliche Zahlen verkündet das Gut Hohen Luckow: Im Schnitt würden Milchkühe 45 Kilogramm Futter am Tag fressen. Der Wasserbedarf liege bei rund 100 Litern. Bei Mastschweinen liegt die tägliche Futterration übrigens je nach Gewicht des Tiers zwischen 1,1 und drei Kilogramm Futter. Einem Mastschwein kurz vor der Schlachtung stehen sechs bis acht Liter Wasser zu, einer säugenden Sau 25 bis 35 Liter.

Fakt 3: 30 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs wird durch die Viehwirtschaft bedingt.

Vier junge Rinder stehen am Tor der Weide
Produkte von Rindern sind besonders kritisch, denn als Wiederkäuer geben sie viel Methan ab und verbrauchen außerdem viel Wasser. (Foto: Kira Jacobs)

15.000 Liter Wasser. Das ist die Menge, die es braucht, um ein Kilogramm Rindfleisch herzustellen. Nun ist Rind besonders schlecht für das Klima und wenig ressourcenschonend – also wie viel Wasser braucht die Landwirtschaft wirklich?

Weltweit entnehmen wir der Erde jährlich etwa 4.000 Kubikkilometer Frischwasser. Davon werden 70 Prozent vom Agrarsektor verbraucht. Noch nicht einberechnet sind weitere 6.400 Kubikkilometer Regenwasser, die über den Feldern fallen. Nur 64 Kubikkilometer entsprechen schon 64.000.000.000.000 Liter – die Anzahl an Litern für 4.000 oder 6.400 Kubikmeter übersteigen bei Weitem unser Vorstellungsvermögen. Informationen über die Aufteilung des Wasserverbrauchs zwischen der Viehwirtschaft und der Herstellung von pflanzlichen Lebensmitteln habe ich nicht gefunden. Doch folgende Beispiele von PETA legen nahe, dass die pflanzlichen Lebensmittel eine bessere Wasserverbrauchsbilanz ziehen können:

Ein Glas Milch hat 200 Liter Wasser auf dem Buckel, während eine Tasse Tee lediglich 30 Liter verbraucht. Isst man ein Ei, könnte man für den gleichen Wasserverbrauch drei Äpfel essen. Um ein Kilogramm Hühnerfleisch herzustellen, werden 5.000 Liter Wasser verbraucht. Bereitet man also eine Hähnchenbrust mit 200 Gramm Gewicht zu, hat das Fleisch einen Verbrauch von 1.000 Liter Wasser.

Wenn es also immer wassersparender ist, pflanzliche Lebensmittel herzustellen, würde das bedeuten, dass der Anteil des Wasserverbrauchs durch die Viehwirtschaft sogar über 30 Prozent liegen müsste, wenn die gesamte Landwirtschaft für 70 Prozent des Wasserverbrauchs verantwortlich ist.

Fakt 4: Tiere und ihr Futter brauchen Platz – Jede Sekunde werden 4.000 Quadratmeter Regenwald gerodet.

Jedes Jahr werden 130.000 Quadratkilometer Wald abgeholzt oder abgebrannt. Auch diese Zahl ist kaum zu fassen, darum ziehen viele Organisationen und Journalisten einen Vergleich, der trotzdem noch abstrakt bleibt: 35 Fußballfelder Waldfläche pro Minute gehen uns verloren – am Tag und bei Nacht. Rechnet man die 130.000 Quadratkilometer runter, sind es rund 10.800 Quadratkilometer im Monat, 356 am Tag, 14,8 pro Stunde, 0,247472 in der Minute (Also 247.472 Quadratmeter) und 0,004125 Quadratkilometer (das sind tatsächlich rund 4.125 Quadratmeter) in jeder Sekunde. Damit stimmt die Zahl, die Kip Andersen in seinem Film nennt.

Die Ursachen für diese unfassbare Beraubung der Natur sind vielfältig. Das zeigt ein Beispiel: Der Amazonas-Regenwald ist der größte verbliebene Regenwald der Welt und erstreckt sich über neun Staaten Südamerikas. Der WWF nennt als Gründe der Abholzung die Nutzung als Weidefläche für Rinder, die Holzgewinnung, den Anbau von Zuckerrohr und Soja, weiter verschlimmert durch den Bergbau, das Anlegen von Staudämmen und Landrechtsprobleme. Damit sind zwei der Kernprobleme unmittelbar mit der tierischen Landwirtschaft verwickelt: Neben der Gewinnung von Weidenflächen der Anbau von Soja. Ein beliebtes Argument von Vegetariergegnern ist übrigens schlichtweg falsch: Ja, Soja wird als Ersatzprodukt für Milch und Fleisch verkauft, damit liegen sie richtig. Doch unfassbare 80 Prozent der Soja-Ernten werden verfüttert!

 

Allein diese ausgewählten Fakten sind schockierend. Warum essen wir also Fleisch? Und warum werden wir nicht häufiger mit den Konsequenzen konfrontiert?

Die Macht der Industrie

„Cowspiracy“ deutet immer wieder an, dass die Fleischindustrie unfassbar mächtig sei. So springt ein Geldgeber für den Film im Laufe der Dreharbeiten ab und den Machern fällt es schwer, Interviewpartner bei Umweltorganisationen zu finden, die bereit sind, offen über den Zusammenhang zwischen der Fleischproduktion und dem Klimawandel zu sprechen. Das thematisieren sie auch in ihrem Film.

Fakt 1: Umweltorganisationen informieren nicht oder nur am Rande über die Rolle der Viehwirtschaft.

Der Film wurde 2013 gedreht. Nun frage ich mich, ob inzwischen mehr Informationen auf den Webseiten der Organisationen zu finden sind. Also habe ich sie mir einmal angesehen. Hier sind zwei der Extreme:

Greenpeace

Ein aktuelles Beispiel zeigt deutlich, in welchem Bereich die NGO nach wie vor aktiv ist. Die Hitzewelle, die in Deutschland und ganz Europa diesen Sommer überdurchschnittliche hohe Temperaturen und anhaltende Trockenheit verursacht hat, sei durch den verschleppten Kohleausstieg verursacht. Das legt Greenpeace in einem Artikel nahe. Weitere Ursachen neben der Energieerzeugung durch Kohle werden gar nicht erst thematisiert. Auch in ihrer Kampagne „Klimaschutz jetzt!“ fordern sie eine Energiewende. Der zweite Faktor, den sie mit in ihr Programm aufnehmen, ist der Verkehrssektor. Im Bereich „Landwirtschaft“ setzt sich Greenpeace das Ziel, nur „gesunde Lebensmittel“ – ohne Einsatz von Pestiziden und Gentechniken – auf dem Markt zuzulassen. Einen Zusammenhang zum Klimawandel stellt Greenpeace nicht dar.

Eine klare Forderung nach einer Umstellung der Ernährung hin zum Vegetarismus und Veganismus, der Reduktion von Fleischkonsum und infolge dessen weniger Vieh, das für unsere Ernährung gezüchtet werden muss, sucht man bei Greenpeace also vergebens.

Rainforest Action Network

Deutlich besser macht es das Rainforest Action Network: Als „Forest-Food Connection“ bezeichnet es die Auswirkungen der industriellen Fleischindustrie und der Abholzung des Regenwalds. Sie gehen sogar noch weiter und schreiben, dass sie unter anderem eine Veränderung bei Tyson Food erreichen wollen, dem größten Produzenten von Schweine-, Hähnchen- und Rindfleisch weltweit. Damit wenden sie sich konkret gegen eines der mächtigsten Unternehmen der Agrarindustrie. Sie informieren darüber hinaus über die Treibhausgasemissionen, über die Verschmutzung des Wassers und über viele weitere Effekte der Fleischwirtschaft. Hier werden die Informationen offen und transparent dargelegt – viel besser als bei Greenpeace in diesem Bereich.

Fakt 2: Umweltaktivisten in Brasilien müssen um ihr Leben fürchten.

Neben Dorothy Stang, die von einem Auftragsmörder erschossen wurde, gibt es weitere Opfer, bei denen eindeutig ein Zusammenhang zwischen ihrem Engagement und ihrem Tod gezogen werden können. Das legt ein trauriger Bericht von Global Witness nahe. In „Defender of the Earth“ dokumentieren sie, dass 2016 in 24 Staaten insgesamt 200 Umweltaktivisten umgebracht wurden. Brasilien, wo auch Dorothy Stang ums Leben kam, führt diese Liste mit 49 Toten innerhalb eines Jahres an. Hier sind es oft Holzfäller und Landbesitzer, denen die Arbeit der Umweltaktivisten ein Dorn im Auge ist.

Nicht immer lässt sich eindeutig sagen, ob diese Menschen tatsächlich auf Basis ihrer Arbeit ermordet wurden. Doch in 23 der 200 Todesfälle ist es eindeutig, dass die Menschen aufgrund ihres Engagements gegen die Agrarindustrie ermordet wurden.
Die Morde finden vor allem in Staaten Süd-Amerikas, in südlichen Ländern Afrikas sowie Asiens statt. Wie sieht die Situation für Aktivisten also in entwickelten Ländern wie den USA aus?

Fakt 3: Tierrechts- und Umweltaktivisten in den USA werden vom FBI als terroristische Bedrohung eingestuft.

Das konnte ich mir kaum vorstellen, als ich das erste Mal davon hörte. In „Cowspiracy“ stellt Journalist und Autor Will Potter diese Behauptung auf. Als Begründung sagt er, dass die Firmenprofite direkt geschmälert würden und daher das Gesetz gegen Aktivisten ausgelegt würde. Auf seiner Webseite ist es das Kernthema Potters. Er schreibt journalistische Berichte für namenhafte Zeitungen, ist Autor des Buches „Green Is The New Red“, in dem er ebenfalls das Gesetz kritisiert und hält Reden über dieses. Kurzum: Er versucht, auf ein US-amerikanisches Gesetz aufmerksam zu machen – Das „Animal Enterprise Terrorism Act“. Noch nie davon gehört? So ging es mir auch.

Das Gesetz stuft Handlungen als Terrorismus ein, die die Absicht haben, die Tätigkeiten tiernutzender Unternehmen zu beschädigen oder zu beeinflussen. Es wurde 2006 als Erweiterung des „Animal Enterprise Protection Act“ von 1992 eingeführt. Nach dem Gesetzestext sollen vor allem gewalttätige Handlungen bestraft werden. Friedliche Demonstranten sollten nicht betroffen sein.

Das erste Urteil auf Basis des Gesetzes fiel gegen sechs Aktivisten wegen Inhalte ihrer Webseite „Stop Huntingdon Animal Cruelty“. Die Inhalte könnten als Aufruf zu Gewalt gegen das Unternehmen Huntingdon Life Sciences sowie dessen Mitarbeiter verstanden werden. Ob es tatsächlich aufgrund der Webseite der Aktivisten zu Sachschäden oder gar Angriffen kam, lässt sich nicht sagen. Dennoch wurden sie als Terroristen eingestuft und zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Dass ein Aktivist, der sich für die Rechte von Tieren einsetzt, ein Terrorist sein soll, erschließt sich mir nicht. Gewalt gegen Personen, Sachbeschädigungen und ähnliche Taten sind doch ohnehin strafbar – wozu also diese krasse Einstufung, die Gleichstellung mit Mitgliedern von Terrororganisationen wie dem „Islamischen Staat“? Über die Antwort kann man nur spekulieren. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Unternehmen, die durch die Aktivisten Schäden befürchten, enorme Lobbyarbeit leisten und daher diese Politik der Einschüchterung eingeführt wurde. Ab wann gilt man als Terrorist? Wenn man Tiere aus einem Mastbetrieb befreit? Einen Spruch auf eine Wand in der Öffentlichkeit sprüht? Oder reicht es schon, mit Plakaten auf die Straße zu gehen und gegen die industrielle Viehzucht oder gegen Tierversuche zu demonstrieren? Mich hat das Gesetz zum Nachdenken angeregt und ich bin mir sicher, dass es auch anderen Menschen – gerade denen in den USA, die direkt davon betroffen sind – genauso geht. Und damit haben Unternehmen, die mit Tieren arbeiten, ihr Ziel erreicht.

 

Ich kann jedem, der sich für den Klimawandel und für die Macht einer großen Industrie interessiert, „Cowspiracy“ nur ans Herz legen – mich hat er zur überzeugten Vegetarierin gemacht.

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