Fahrradweg mit weißer Kennzeichnung auf dem Weg
Gesellschaft

Das Auto steht nicht mehr im Mittelpunkt

Wie wird die Zukunft der Mobilität aussehen? Diese Frage beschäftigt Politik, Wirtschaft und unsere Gesellschaft im Allgemeinen seit Jahren angesichts einzuhaltender Klimaziele und Grenzwerten (insbesondere für Stickoxide), Dieselskandal und verstopften Straßen. So kam es etwa im Jahr 2018 laut ADAC zu rund 745.000 Staus mit einer Gesamtlänge von 1.528.000 Kilometern. Nur in Deutschland.

Ist Elektromobilität die Zukunft?

In Sachen Klimaschutz schreien viele nach einer Verkehrswende hin zur Elektromobilität. So sieht der deutsche Klimaschutzplan 2050 vor, die Elektromobilität auszubauen. Zugleich sollen weitere Alternativen zum herkömmlichen Verbrennungsmotor – wie Wasserstoff und Hybride – gefördert werden. Ziel ist, dass das Verkehrssystem „weitgehend treibhausgasneutral“ sein wird.
Eigentlich ist es eine schöne Vorstellung, wenn nur noch überwiegend leise E-Autos über unsere Straßen rollen würden – eine Wohnung an einer Hauptverkehrsstraße würde deutlich an Attraktivität und Wert gewinnen und natürlich würde es zum Klimaschutz beitragen – oder? So klar ist die Lage (zurzeit) nicht: Ob Elektro-Autos tatsächlich die enormen Einsparungen an Treibhausgasen mit sich bringen, die man sich davon erhofft, ist umstritten. Zwar stößt ein Elektro-Auto beim Fahren keine Abgase aus, doch die Krux liegt vor allem in der Herstellung: Insbesondere die Produktion der Lithium-Ionen-Batterien erfordert große Mengen kostbarer Ressourcen. So werden große Mengen Wasser sowie Energie benötigt. Derzeit können dafür (noch) nicht ausschließlich erneuerbare Energien verwendet werden. Außerdem werden für Batterien Lithium und Kobalt benötigt, die teils unter menschenverachtenden Bedingungen und zulasten der Umwelt abgebaut werden – Kobalt vor allem in der Demokratischen Republik Kongo (mehr zum Thema Lithium und Kobalt beim ZDF, in dieser Doku und in diesem Deutschlandfunk-Beitrag). Natürlich nutzen wir alle auch andere Gegenstände mit Akkus – wie Laptops und Smartphones –, doch werden für E-Autos deutlich größere Mengen benötigt. Würden wir in Zukunft überwiegend mit Elektro-Autos fahren, würde die Nachfrage nach diesen Batterien und infolgedessen nach den Rohstoffen geradezu explodieren. Unklar ist derzeit darüber hinaus, wie ausgediente Batterien entsorgt oder recycelt werden könnten. Und auch nach Abschluss der Herstellung bleibt noch ein Problem: Für Elektro-Autos muss natürlich Strom hergestellt werden, damit sie fahren. Leider haben wir immer noch einen Strom-Mix, der nur zum Teil erneuerbare Energien beinhaltet. Wie umweltfreundlich ein Elektro-Auto ist, das mit Kohlestrom fährt, ist wohl fraglich. Aus all diesen Gründen kommt auch der ADAC zu einem differenzierten Fazit bei der Beurteilung von Vor- und Nachteilen der Elektro-Autos.

Fahrradweg ins Nichts
In Sachen attraktive und sichere Radweggestaltung ist noch Luft nach oben: Dieser Fahrradweg führt ins Nichts. (Foto: Kira Jacobs)

Ein Plädoyer für weniger Autos anstatt mehr

Selbst wenn wir nun also alle Elektro-Autos kaufen, unsere Verbrenner aufgeben, ressourcensparendere Wege in der Herstellung und Recyclingmöglichkeiten für Batterien finden sollten, löst das unser zweites großes Problem keineswegs: Deutschlands Straßen sind verstopft, vor allem in den Städten und auf Autobahnen. Die Zahl der Kraftfahrzeuge und Anhänger auf deutschen Straßen ist laut dem Kraftfahrtbundesamt sogar steigend: Waren es 2012 noch 60 Millionen angemeldete Fahrzeuge, gab es am 1. Januar 2019 64,8 Millionen. Dabei brauchen wir weniger Autos, nicht mehr. Um weiterhin mobil sein zu können, müssen Alternativen zum Auto attraktiver werden. Doch diese – recht banale – Erkenntnis lässt sich offenbar mit den wirtschaftlichen Interessen unserer Automobilbranche, einer Schlüsselindustrie in Deutschland, schlicht nicht vereinbaren. Daher setzen wir lieber auf neue Auto-Technologien anstatt auf Alternativen zum Auto.

Alternative Lösungsansätze

Dennoch werden Lösungsansätze diskutiert, eingefordert und inzwischen auch umgesetzt, die nicht mehr das Auto in den Mittelpunkt der Stadtgestaltung und Verkehrspolitik stellen – oder zumindest andere Formen der Mobilität etwas stärker berücksichtigen. So kann der Umstieg vom Auto auf andere Verkehrsmittel begünstigt werden. Meiner Meinung nach sollten solche Lösungen zunächst vor allem in den Großstädten vorangetrieben werden. Und zwar aus dem Grund, dass die Menschen unterschiedlich stark auf ein eigenes Auto angewiesen sind. Wer in einer ländlichen Region lebt und täglich 30 Kilometer zur Arbeit pendelt, wird nicht ohne Weiteres auf ein Auto verzichten können. Wer jedoch in einer Stadt lebt, wo der Öffentliche Personen-Nahverkehr gut ausgebaut ist und viele Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen sind, braucht nicht unbedingt ein Auto. Und nicht zuletzt ist die Verkehrssituation natürlich genau dort auch besonders angespannt: in den Stadtzentren und auf den Stadt-Autobahnen.

Das Auto ist nicht mehr der Mittelpunkt unserer Mobilität – oder sollte es zumindest nicht sein

Um den Umstieg vom Auto auf alternative Verkehrsmittel zu fördern, sollten Push-Maßnahmen, die das Autofahren unattraktiver machen, mit Pull-Maßnahmen, die umweltfreundlichere Verkehrsmittel attraktiver machen, kombiniert werden.
Wichtige und meiner Meinung nach absolut unverzichtbare Maßnahmen für Fahrradfahrende sind unter anderem: der Ausbau von Radwegen, wobei durchaus Platz von Parkstreifen und Autospuren genommen werden könnte, und qualitativ hochwertige Radwege, die Wohngebiete mit Industriestandorten, Schulen und Universitäten sinnvoll verbinden. Eine attraktive Radweggestaltung kann beispielsweise auch durch grüne Wellen für Radfahrende, Fahrradstraßen, die für Autos gesperrt sind, und Tritt-Möglichkeiten an Ampeln, um nicht absteigen zu müssen, umgesetzt werden.
Zunächst einmal sind aber sichere Radwege unverzichtbar und sollten eine hohe Priorität haben. Erst kürzlich wurde bekannt, dass im Jahr 2018 445 Fahrradfahrende ums Leben kamen, während es 2017 „nur“ 382 Personen gewesen sind. An manchen Stellen scheinen Radwege vollkommen willkürlich dorthin gesetzt zu werden, wo gerade irgendwie noch Platz ist: So fahre ich in Bielefeld beispielsweise häufig auf Radwegen am Straßenrand, wobei rechts noch Parkstreifen angebracht sind. Die ständige Angst „gedoort“ zu werden, also gegen eine sich öffnende Autotür zu fahren, begleitet wohl jede radelnde Person auf einem solchen Weg. An einer anderen Stelle teile ich mir als Fahrradfahrerin eine Spur mit Bussen – wer hier wohl im Zweifelsfall den Kürzeren zieht, dürfte angesichts der bestehenden Kräfteverhältnisse außer Frage stehen.
In einigen Städten sind autofreie Zonen, insbesondere im Stadtkern, in der Diskussion. Ich halte dieses Konzept für extrem gut geeignet. In Verbindung mit Parkplätzen in der Nähe von Autobahnen und Bundesstraßen, von wo aus die Möglichkeit besteht, mit dem Fahrrad, Bussen oder einer Stadtbahn weiter zu fahren, entspricht das – in meiner idealen Vorstellung – der Mobilität der Zukunft. Natürlich müssen Ausnahmeregeln beispielsweise für Lieferverkehr, Rettungsfahrzeuge und Pflegedienste eingerichtet werden.

Hier teilen sich Radelnde mit Bussen eine Spur – ein waghalsiges Unterfangen. Auf dem Gehweg gibt es hier allerdings einen zweiten Radweg (, der praktisch immer von Fußgängern und gerne auch von parkenden Autos eingenommen wird). (Foto: Kira Jacobs)
Mein persönliches Fahrradweg-Highlight: Der Radweg führt vom Gehweg über die Bus- und Abbiegespur und zwängt Radelnde zwischen zwei Auto-Streifen. Ebenfalls gut zu sehen: Der Radstreifen wird gern von Autofahrer*innen mitgenutzt. (Foto: Kira Jacobs)

Auf dem richtigen Weg: Beispiele für fortschrittliche Mobilitätskonzepte

Es gibt inzwischen schon viele Städte mit innovativen Mobilitätskonzepten oder mit Mobilitäts-Schwerpunkten, in denen sie vielen anderen Städten voraus sind. Neben Kopenhagen (über die Stadt habe ich hier im letzten Jahr bereits einen Beitrag geschrieben) ist Utrecht in den Niederlanden ein absolutes Musterbeispiel dafür, dass das Auto nicht das wichtigste Verkehrsmittel sein muss. Die Stadt investiert laut ZDF jährlich 130 Euro pro Person in die Fahrradinfrastruktur. Dort gibt es etwa das größte Fahrradparkhaus der Welt, um nur ein kleines Beispiel dafür zu geben, wie viel dort für Fahrradfahrer*innen getan wird. Das Konzept ist einfach: Bicycle first. Wer Fahrrad fährt, kommt schneller als mit dem Auto von A nach B.
In Dünkirchen (Frankreich) wiederum wird seit einigen Jahren auf den Öffentlichen Nahverkehr gesetzt. Dieser ist nach einer Phase, in der er deutlich günstiger wurde, mittlerweile kostenlos. Zudem hat die Stadt die Liniennetze der Busse ausgebaut und eigene Busspuren errichtet, damit die Busse pünktlich sind und nicht in der Rush-Hour feststecken.

Deutsche Städte können bislang noch nicht eine solche Vorreiter-Rolle einnehmen. Doch auch hier beschäftigen sich die Lokalpolitiker*innen in allen Teilen Deutschlands mit diesem Thema. Einige Beispiele: In Bielefeld wird derzeit ein Bürgerbegehren vorbereitet, das die Politik dazu verpflichten soll, nach niederländischem Vorbild in die Fahrradinfrastruktur zu investieren. In Bremen soll bis 2030 eine weitgehend autofreie Innenstadt entstehen. Und in München werden Privatautos in der Altstadt nach und nach durch gezielte Maßnahmen reduziert, um den so frei werdenden Platz umzustrukturieren.

Weitere Fragen der Mobilität

Natürlich legen viele Menschen in Deutschland regelmäßig weitere Strecken zurück, die über die Stadtgrenzen hinausgehen. Daher ist es unverzichtbar auch in den Fernverkehr in Form von Zügen und Fern-Bussen zu investieren und diese durch ein attraktives Angebot sowie günstige Preise zu einer echten Alternative zum Auto zu machen. So schreibt auch Helmut Martin-Jung in der Süddeutschen Zeitung: „Zunächst bräuchte es ein klares Bekenntnis, die Schiene gegenüber dem Straßenverkehr zu bevorzugen“. Will heißen: Statt noch eine Autobahn aus dem Boden zu stampfen, sollte mehr Geld in beispielsweise das Schienennetz investiert werden.
Weitere innovative Lösungsansätze sind Logistik-Konzepte, die für eine bessere Auslastung der Lkw sorgen und Leerfahrten vermeiden. Es gibt zudem Unternehmen, die ihre Mitarbeiter kostenlos mit dem Bus abholen und wieder nach Hause bringen. Manche Mitarbeiter können über ihre Arbeitgeber außerdem E-Bikes leasen.
Die Beispiele lassen sich ins Unendliche fortführen. Eines kann man wohl mit Sicherheit sagen: Es tut sich etwas und es liegt an uns, diese Art der Verkehrswende voranzutreiben.

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