Das Cover des Buches "Die Wegwerfkuh" von Tanja Busse
Buchtipps

„Die Wegwerfkuh“ – von der Ineffizienz der Intensivlandwirtschaft

Tanja Busse nimmt in „Die Wegwerfkuh“ eine andere Perspektive ein als viele andere Kritiker der Intensivtierhaltung. Das ist es, was ihr Buch von anderen unterscheidet und, wie ich finde, einen Mehrwert schafft. Sie betont explizit, dass es ihr nicht darum gehe, die Landwirte an den Pranger zu stellen, sondern dass ihre Kritik einem System gilt, das sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat und in dem die Landwirte selbst gefangen seien. Sie hebt dabei auch hervor, dass sie selbst auf einem Bauernhof groß wurde und gibt sich so besonders nah.

Ich habe „Die Wegwerfkuh“ an einem Wochenende geradezu verschlungen. Erwartet hatte ich eigentlich andere Inhalte angesichts des provozierenden Titels. Eine Kuh, die nichts wert ist und daher weggeworfen werden muss – da muss doch eine harte Abrechnung mit der Produktion tierischer Lebensmittel folgen. So erwartete ich eine Art „Eating Animals“ (Jonathan Safran Foer) für die deutsche Ernährungsbranche. Doch das ist dieses Buch definitiv nicht.

Ist die Intensivlandwirtschaft tatsächlich effizient?

Nach Tanja Busses Auffassung lässt sich diese Frage ganz klar mit „Nein“ beantworten. Sie kritisiert, dass bei der Betrachtung der Effizienz immer nur berücksichtigt werde, wie viel mehr Fleisch, Milch oder Eier innerhalb eines Zeitraums hergestellt werden. Doch bei den Milchkühen werde beispielsweise außer Acht gelassen, dass die Kühe durch ihre Zucht zwar pro Laktation mehr Milch geben, jedoch durchschnittlich nicht mehr so alt würden. Betrachtet man ihre durchschnittliche Milchleistung während der gesamten Lebensdauer ist die heutige Milchproduktion gar nicht effizienter als vor einigen Jahrzehnten. Hinzu kommen „Kollateralschäden“: Klimaschäden, doch auch Tiere, die in dem System wertlos sind. Etwa männliche Kälber von Milchkühen, die aufgrund ihrer Gene kaum mit einem Mastrind konkurrieren können, sich gleichzeitig aufgrund ihres Geschlechts nicht für die Milchproduktion eignen. Oder männliche Küken von Legehennen, die ebenfalls unfähig sind, Eier zu legen, sich jedoch genauso wenig für die Herstellung von Geflügelfleisch eignen. Tanja Busse fasst dieses Problem so zusammen:

„Die moderne Intensivlandwirtschaft steigert einen Parameter so effizient, dass andere Parameter ineffizient werden: Die hohe Milchleistung bedingt kurze Nutzungsdauer, die hohen Ferkelzahlen ziehen eine große Sterblichkeit nach sich.“

Lösungsansätze: Von realistisch bis utopisch

Eine ganze Reihe von Lösungsansätzen, die Konsumenten und Landwirte, Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen betreffen, liefert Tanja Busse in „Die Wegwerfkuh“. Nicht alle halte ich für realisierbar, einige sind sicherlich bewusst etwas überspitzt formuliert, um ihr Anliegen deutlich zu machen.

Grundsätzlich fordert Busse einen stärkeren Austausch zwischen Konsumenten und Landwirten: So sollten schon Schüler in einem Lern-Bauernhof selbst Lebensmittel herstellen, um zu verstehen, woher das Essen, das sie sonst nur im Supermarkt kaufen würden, herkommt. Erwachsene sollten Bauernhöfe besuchen und in Ställe gehen. Denn auch hier ist die Kluft zwischen der Vorstellung und der Realität oftmals groß. Wer sich selbst ein Bild davon gemacht hat, wie insbesondere tierische Produkte hergestellt werden, kann dann für sich eine Entscheidung treffen: Ob man Fleisch, Milchprodukte und Eier essen möchte oder nicht. Busse hält es jedoch für falsch, diese Entscheidung von zuhause aus zu treffen, ohne sich selbst je ein Bild gemacht zu haben. Ich finde das für ethische Entscheidungsgründe für eine vegane oder vegetarische Lebensweise ebenfalls richtig. Entscheidet man sich jedoch aus Umweltgründen gegen den Konsum tierischer Lebensmittel, ist der Besuch eines Nutztierbetriebs sicherlich weniger aufschlussreich als die Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema.

Nicht nur Konsumenten sieht Tanja Busse in der Pflicht, sondern auch die Politik: Mit ihren Entscheidungen kann sie Verbesserungen hinsichtlich Qualität, Klimafreundlichkeit und auch der Anerkennung für Landwirte erreichen. Konkret schlägt Busse vor, verpflichtende Kennzeichnungen einzuführen, die den Käufer darüber informieren, wie die Tiere gehalten werden – ganz nach dem Vorbild der Kennzeichnung auf Eierverpackungen. Außerdem sollten sich die gesetzlichen Vorgaben der Haltung tatsächlich an den Bedürfnissen des Tieres orientieren. Das würde ihrer Meinung nach bedeuten, dass Nutztieren genauso viel Platz, genauso gute Bedingungen geboten werden wie ihren Artgenossen im Zoo. Dann dürften jedoch auch nur Produkte importiert werden, die diese Anforderungen ebenfalls erfüllen (was sicherlich kaum durchsetzbar wäre).

Eine Forderung, über die ich selbst auch schon häufiger nachgedacht habe, ist, dass Verursacher von Treibhausgasemissionen, von Verlust der Biodiversität für diesen „Kollateralschaden“ in einer wie auch immer gearteten Form Geld zahlen müssen. Wie genau diese Abgabe aussehen könnte, lässt die Autorin jedoch offen.

Neugieriges Rind in einem Stall mit Spaltenbden
Ab einem Alter von 6 Monaten stehen Rinder im Stall in der Regel auf Spaltenboden. (Foto: Kira Jacobs)

Und letztlich muss die Landwirtschaft selbst von der vermeintlichen Effizienz abkehren und mehr in den Fokus rücken, was das natürliche Umfeld der Nutztiere ist. Natürlich geht es einer Kuh auf Spaltenboden in einem Stall nicht per se schlecht ­– doch, so Busse, hätten Landwirte sich an diese Haltung so gewöhnt, dass sie die natürlichen Bedürfnisse aus dem Blick verloren hätten. Meiner Meinung nach ist das so pauschal nicht ganz korrekt. So habe ich in einem Gespräch mit einer Landwirtin erfahren, dass sie ihre Milchkühe viel lieber auf die Weide lassen würde, anstatt sie im Stall zu halten. Sie ist sich also sehr bewusst, dass eine Kuh eigentlich nicht im Stall lebt. Doch die schlechten Bodenbedingungen machen es in diesem konkreten Fall unmöglich, die Kühe auf der Weide zu halten. Möchte man also diese Forderung umsetzen, müsste man viele, von Hof zu Hof unterschiedliche Probleme angehen und Lösungen entwickeln.

Solche verbesserten Bedingungen sind natürlich auch deutlich kostspieliger als die Intensivtierhaltung. Daher sollten nach Ansicht von Busse die Preise für tierische Produkte nicht durch Angebot und Nachfrage festgelegt werden, sondern danach, wie viel die Erzeugung tatsächlich kostet. Nur dann können die Landwirte gerecht entlohnt werden, die Tiere ein lebenswertes Leben führen, das Klima geschont und die Artenvielfalt erhalten werden.

Transparenz bei den Quellen für „Die Wegwerfkuh“

Sehr gut finde ich die Arbeitsweise von Tanja Busse, da sie für ihre Fakten stets Quellen liefert, die sie in den Anmerkungen am Ende des Buches aufführt. Wer noch tiefer in bestimmte Bereiche eintauchen möchte, kann hier also gleich weitere Informationen finden. Außerdem finde ich es gut, dass Busse sich nicht gegen Landwirte stellt, sondern vielmehr auch für sie mitkämpft. Die Landwirte sind schließlich ein maßgeblicher Bestandteil unserer Nahrungsproduktion. Statt immer nur über sie und ihre Arbeit zu sprechen, sind der Dialog mit ihnen und ihre Perspektive wichtig, wenn es darum geht, Lösungen für die Lebensmittelproduktion der Zukunft zu finden. So fordert Tanja Busse nicht nur mehr Schutz für Klima und Tiere, sondern beispielsweise auch mehr Anerkennung für die Arbeit, die Landwirte leisten, sowie eine fairere Preisgestaltung.

An einigen Stellen des Buches hätte diese Perspektive meiner Meinung nach jedoch noch stärker hervortreten können. Beispielsweise dann, wenn sie über durchschnittliche Zahlen spricht: Eine Milchkuh in Deutschland würde nach durchschnittlich drei Jahren am Melkstand, also im Alter von fünf Jahren, geschlachtet. Diese Zahl ist erschreckend und doch trifft diese Wirtschaftsweise nicht auf jeden Betrieb zu: Es gibt natürlich auch die Landwirte, die sich explizit davon distanzieren, sodass manche Kühe durchaus auch 15 Jahre alt werden.

Dennoch finde ich, dass „Die Wegwerfkuh“ absolut lesenswert ist! Einmal mehr sollte man sich fragen, ob die landwirtschaftliche Tierhaltung, wie wir sie heute betreiben, richtig ist und in dieser Weise erhalten werden sollte. Und eine weitere Frage sollten wir uns stellen: Wenn die intensive Landwirtschaft nicht die Zukunft unserer Nahrungsproduktion sein soll, wie wollen wir dann unsere Lebensmittel herstellen? Ein großer Teil der Lösungsansätze von Busse gehen mit einem erheblich größerem Flächenaufwand für Nutztiere einher ­– wir müssten in der Konsequenz also unseren Konsum tierischer Produkte erheblich reduzieren, um nicht massiv auf ausländische Flächen angewiesen zu sein. Diese spannende Diskussion wird zunehmend geführt, schließlich geht es um nichts weniger als um eine wesentliche Lebensgrundlage, unser Essen.

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