Schale mit buntem Salat sowie Zucchini, Falafel und Tahini-Soße
Ernährung & Umwelt,  Meine Sichtweise

Ein Jahr vegan – Fragen und Antworten

Schon seit mehr als einem Jahr ernähre ich mich inzwischen vegan – und könnte mir beim besten Willen nichts anderes mehr vorstellen. Was eigentlich nur als ein Probemonat begann, den ich nutzte, um die vegane Ernährung auszuprobieren (einen kleinen Erfahrungsbericht habe ich dazu auch geschrieben), ist schnell zur Gewohnheit und zu einer festen Überzeugung geworden. Es ist das Richtige. Je mehr Zeit vergeht, umso fester bin ich davon überzeugt.
Im Laufe dieses ersten Jahres als Veganerin habe ich mit vielen Personen gesprochen, mit solchen, die ich schon lange kenne und solchen, die ich in dieser Zeit neu kennengelernt habe. Wenn zur Sprache kam, dass ich mich vegan ernähre, wurden mir viele Fragen gestellt. In diesem Beitrag habe ich einige dieser Fragen gebündelt, um sie zu beantworten.

Kira am Rand einer Kaffeeplanatage in Kirwara, Kenia
Die vegane Ernährungsweise gibt mir vieles – mental wie körperlich: Frieden, Freude, Energie, Mut und Kraft.
vegane kenianische Küche mit Bohnen, Reis, Stampfkartoffeln und Salat
Auch in Kenia war es ein Leichtes, sich vegan zu ernähren: Die landestypische Küche besteht aus Bohnen, Reis, Stampfkartoffeln, Spinat und Kohl (und auch Rind, was aber glücklicherweise immer separat zubereiet wird). (Foto: Kira Jacobs)

Hast du körperlich und mental eine Veränderung durch die Ernährungsumstellung bemerkt?

Ehrlich gesagt: Nein, zumindest nicht so, wie die Frage oft gemeint ist. Ich habe meine Ernährung nicht radikal von heute auf morgen umgestellt. Stattdessen habe ich mich zunächst für eine vegetarische Ernährung entschieden, um nach einem dreiviertel Jahr dann zu einer rein pflanzlichen Ernährungsweise zu wechseln. Innerhalb des Zeitraums, in dem ich mich vegetarisch ernährt habe, habe ich mit der Zeit immer weniger Produkte mit Milch und Eiern gegessen. Die Umstellung war also fließend und dementsprechend hatte auch mein Körper Zeit, sich an die veränderte Ernährungsweise zu gewöhnen.
Was sich jedoch sehr stark verändert hat, ist meine Einstellung zum Essen: Ich lege mehr Wert auf gute, hochwertige Lebensmittel. Ich gebe gerne mehr Geld für Lebensmittel aus, wenn ich weiß, dass sie dafür etwa regional sind, ökologisch angebaut und/oder fair gehandelt wurden. Und außerdem weiß ich viel besser, welche Zutaten sich in welchen Produkten befinden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, zu wissen, was man eigentlich isst.

Außerdem esse ich nur noch intuitiv. Zuvor habe ich mein Essverhalten lange Zeit Zielvorgaben untergeordnet, die ich aufgestellt hatte, um meinem Fitnesszielen näher zu kommen: So und so viele Kalorien pro Tag, so viel Eiweiß, wenig Fette, wenig Zucker. Eben alle Klischees, die man so gegenüber einer Fitness-Ernährung haben kann. Keinen Appetit? Macht nichts, der Weight-Gainer-Shake wird trotzdem getrunken. Rückblickend war das sicherlich kein gesundes Verhältnis zum Essen.
Nun esse ich das, worauf ich Lust habe, in der Menge, auf die ich Lust habe. Das kann ein Porridge mit Nüssen und Obst sein, aber auch eine vegane Pizza. Ich merke vor allem eins: Mir tut es gut, auf mich selbst zu hören. Allerdings setzt diese Vorgehensweise natürlich voraus, dass man beispielsweise reflektieren kann, dass Lebensmittel wie Chips oder Süßigkeiten durch ihre Kombination aus Inhaltsstoffen, insbesondere von Fetten, Salz und Zucker, ein Suchtverhalten hervorrufen. Das hat dann nichts mehr mit Intuition zu tun, sondern mit der dahinterstehenden Lebensmittelindustrie, die mehr davon verkaufen will, um ihren Gewinn zu steigern.

Ist das nicht schwierig?

Diese Frage ist sicherlich hochindividuell. In meinem Fall: überhaupt nicht. Am Anfang hat es einige Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, beim Einkaufen auf Kennzeichnungen zu achten oder die Zutatenliste zu lesen. Letzteres hat den positiven Nebeneffekt, dass man sich viel intensiver mit den Nahrungsmitteln, die man isst, auseinandersetzt.
Nach einiger Zeit weiß man jedoch gut, welche Lebensmittel vegan sind und wo sich das Nachlesen lohnt. Und auch wenn es am Anfang ungewohnt ist, seine alten Essgewohnheiten aufzubrechen, dem sei Gewiss: Es dauert nicht lange, bis sich neue Gewohnheiten bilden, nur eben mit rein pflanzlichen Produkten. Nach wenigen Wochen musste ich schon gar nicht mehr darüber nachdenken – es war für mich vollkommen alltäglich und normal geworden, nur Lebensmittel zu essen, die rein pflanzlich sind.

veganer Fruchtjoghurt mit Nüssen und Kokosraspeln
Im Sommer super: selbstgemachter veganer Fruchtjoghurt mit Beeren, Nüssen und Kokosraspeln. (Foto: Kira Jacobs)

Schränkt es dich nicht ein?

Ja und nein. Natürlich liegt es in der Natur der veganen Ernährungsweise, auf tierische Produkte zu verzichten. Die entfallen dann natürlich auf der Auswahlpalette der Lebensmittel. Aber im Alltag, wenn ich überwiegend selbst koche und mein Essen zubereite, empfinde ich das nicht als Einschränkung. Man kann so ziemlich jedes Gericht, das im Original Fleisch und andere tierische Produkte enthält, auch in einer veganen Variante zubereiten. Oder einfach selbst kreativ werden.
Anders sieht es aus, wenn ich unterwegs bin und etwas essen möchte. In Städten, in denen ich mich gut auskenne, ist das inzwischen auch einfach. Ich weiß, wo ich etwa in Bielefeld oder Oldenburg eine leckere vegane Mahlzeit herbekomme. Schwieriger wird es dagegen auf Reisen, jedoch findet man auch dort mit ein wenig Googeln (bzw. in meinem Fall: Suchen mit Ecosia) oder Gesprächen mit Menschen, die in der jeweiligen Region leben, gute Cafés, Restaurants oder Imbisse, die nur oder teils vegane Gerichte anbieten. Oft gibt es sogar Facebook-Communities in den einzelnen Städten, wo sich vegan lebende Menschen der jeweiligen Stadt austauschen und gerne Tipps geben.
Sogar in Kenia, wo das Konzept „vegan“ schlicht nicht bekannt ist und ich immer wieder erklärt habe, was es bedeutet, ließ sich eine rein vegane Ernährung leicht umsetzen, was ich vor meiner Abreise nicht erwartet hatte. Glücklicherweise bestehen die Mahlzeiten meist aus Reis, Bohnen, Gemüse, Kartoffeln und Chapati – einer Art Pfannkuchen, ganz ohne tierische Produkte. Fleisch wird immer extra gekocht und somit war es ein Leichtes, auch hier rein vegan zu leben.

Hast du einen Nährstoffmangel?

Nun, tatsächlich habe ich bisher noch keine Tests machen lassen, wasjedoch auf meiner To-Do-Liste steht. Ich fühle mich jedoch sehr gesund und fit und weise keinerlei Anzeichen daraufhin auf, dass ich einen Nährstoffmangel haben könnte. Die Tatsache, dass ich in diesem Jahr noch nicht einmal krank war, nicht einmal einen kleinen Schnupfen hatte, spricht wohl auch dafür. Außerdem erreiche ich in meinem Sportler-Dasein meine persönlichen Spitzenwerte, ich bin leistungsfähig wie noch nie – was man sicherlich auch als ein Zeichen dafür verstehen kann, dass es mir an nichts fehlt.
Grundsätzlich achte ich darauf, alle Nährstoffe über meine Ernährung aufzunehmen und behalte insbesondere potentiell kritische Nährstoffe wie Eisen, Proteine und Omega-3-Fettsäuren im Blick. Vitamin B12 supplementiere ich über Tabletten. Mir hat es sehr geholfen, mich einmal intensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, wofür ich „Vegan-Klischee ade!“ von Niko Rittenau gelesen habe. Auf diese Weise fühle ich mich sicherer und weiß, dass ich, wenn ich mich entsprechend ernähre, keinen Nährstoffmangel zu befürchten habe. Ich würde sogar vermuten, dass es meinem Nährstoffhaushalt besser geht, als bei den meisten Mischköstlern in Deutschland. Die Frage nach dem Nährstoffhaushalt von Veganer*innen suggeriert nämlich häufig, dass Menschen, die auch tierische Produkte essen, sich automatisch ausgewogen ernähren, was ein absoluter Trugschluss ist. Gerade in Deutschland tendieren wir dazu, zu wenig Obst und Gemüse zu essen, zu viele Fette und Eiweiße, zu viel Zucker. Oder anders gesagt: Jeder und jede sollte auf eine vollwertige, ausgewogene Ernährung mit allen wichtigen Nährstoffen achten – egal, ob vegan, vegetarisch oder mischköstlich.

Fehlt dir etwas? Oder genauer gesagt: Fehlt dir nicht Käse?

Viele Menschen lieben Käse. Und Milch im Kaffee. Glücklicherweise war beides bei mir noch nie der Fall. Allerdings gibt es auch für die Kaffeetrinker und Käseliebhaber inzwischen Alternativen wie beispielsweise Barista-Hafermilch und vegane Käse-Ersatzprodukte. Pizza, Burger, Bratwurst zum Grillen, Feta-Käse, Vollmilchschokolade, Kekse – es gibt nichts, wofür es nicht auch rein pflanzliche Alternativen gibt. Ob man diese nun essen möchte oder nicht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Ich selbst esse eher wenige Ersatzprodukte für Veganer*innen, vielleicht mal eine „Bratwurst“ im Sommer zum Grillen, ansonsten kommen bei mir vor allem frische, wenig oder unverarbeitete Lebensmittel auf den Teller.
Am allerwenigsten fehlt mir persönlich Fleisch. Durch meine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik ist Fleisch für mich so stark negativ konnotiert, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass mich der Geschmack je nochmal reizen wird. Selbst vegane Burgerpatties, die einem Fleischpattie zum Verwechseln ähnlich sind, reizen mich nicht. Ich mag es lieber, wenn ich auch schmecke, dass meine Mahlzeit pflanzlich ist.

Warum bist du Veganerin?

Erstaunlicherweise haben mich das nur sehr wenige Menschen gefragt. Das lässt zwei Vermutungen zu: Entweder hat es die meisten einfach nicht interessiert oder sie halten Veganismus eigentlich für die richtige Ernährungsweise, schaffen es aber selbst vielleicht nicht, den Schritt zu wagen und die eigene Ernährung umzustellen. Einige haben mir tatsächlich Letzteres bestätigt. In Kenia hingegen wurde ich häufiger gefragt, weshalb ich keine tierischen Produkte esse, da diese Lebensweise dort schlicht nicht existent ist und maximal eine vegetarische Ernährung bekannt ist. Die meisten Menschen während meiner Zeit in Kenia gingen zunächst davon aus, dass ich möglicherweise aus gesundheitlichen Gründen auf tierische Produkte verzichten würde, und waren neugierig, als ich sagte, dass es meine freie Entscheidung ist. Sie ließen mich erklären, was meine wirklichen Gründe sind.
Ich bin aus so vielen Gründen Veganerin, dass ich darüber ein ganzes Buch schreiben könnte. Daher beschränke ich mich hier auf die zentralen Schlagworte: Ich mache es aus Tierschutz- und Tierrechtsgründen, für den Umweltschutz, für Artenvielfalt, gegen den Hunger, aus Menschenrechtsgründen, für den Schutz der kostbaren Ressource Wasser und nicht zuletzt für meinen persönlichen Seelenfrieden.

Ich könnte das nicht!

Zugegeben: Das ist keine Frage. Aber es ist mit Abstand die häufigste Aussage, die mir in Gesprächen über Veganismus begegnet ist. Und meine Antwort? Musst du ja auch nicht. Aber auch: Ich selbst hätte jedem, der mir noch vor zweieinhalb oder drei Jahren gesagt hätte, ich wäre heute überzeugte Veganerin, einen Vogel gezeigt, lauthals gelacht und die Person für einen besonders mutigen Spaßvogel gehalten.

Am meisten freut mich, dass ich immer wieder auf Menschen treffe, die sich ehrlich für meine Ernährungsweise und grundsätzlich für meinen Lebensstil interessieren. Die mir Fragen stellen und ehrlich den Austausch suchen. Ich habe den Eindruck, dass sich die Denkweise zumindest bei einigen verändert und ein verantwortungsbewusster Lebensstil beliebter wird. Und diese Bewegung begrüße ich aus tiefstem Herzen!

Ein Kommentar

  • Julia

    Ich ernähre mich nun auch etwa seit einem Jahr vegan, davor habe ich mich seit längerem vegetarisch ernährt. Ich habe mich auch für eine langsame Umstellung entschieden und mittlerweile fällt es mir richtig leicht vegan zu kochen oder essen zu gehen. Ich supplementiere eigentlich nur einen Vitamin B-Komplex und habe mir auch erst ein Blutbild erstellen lassen. Soweit ist alles in Ordnung. 🙂
    Alles Liebe,
    Julia

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