Augen verschließen vor den Konsequenzen unseres Handelns
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Ausgelagert: Was unsichtbar scheint

Uns geht es gut. Industrialisierung, Kapitalismus und Globalisierung in einer untrennbaren Mischung brachten einem Teil der Menschen Wohlstand und viele Privilegien: einen warmen, sicheren Schlafplatz, genug Nahrung, sauberes Trinkwasser, eine gute medizinische Versorgung, gute Arbeitsplätze, Freizeit, eine höhere Lebenserwartung, Villen, Autos, Solarenergie, Kühlschränke, Kleidung, Smart Home, Fernseher, Maschinen, die uns bei körperlicher Arbeit unterstützen, und, und, und. Doch es schaffte auch Kehrseiten, etwa die Möglichkeit, die Menschheit durch Atombomben auszulöschen. Und zugleich profitieren nicht alle von dem materiellen Reichtum, denn das System funktioniert nur auf Basis von Externalisierung. Es ist ein Nullsummenspiel. Wenn es uns hier gut geht, dann gibt es auch eine Kehrseite.

Stephan Lessenich

„Neben uns die Sintflut“ heißt der Titel des Buchs, auf das ich mich beziehe, geschrieben vom Soziologen Stephan Lessenich. Das ließ mich aufhorchen, gerade jetzt, da Jugendliche, Kinder und junge Erwachsene der Klimabewegung den älteren Generationen vorwerfen, nach ihnen komme die Sintflut. Sie würden einen unbewohnbaren Planeten hinterlassen. Laut Lessenich müssen wir gar nicht mehr warten, bis die Sintflut kommen wird. Sie ist schon längst da – nur eben nicht vor unserer eigenen Haustür. Und auch, aber nicht nur in Klimafragen.

Lessenich stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Wohlstand der reichen Nationen sowie der Armut und allen damit einhergehenden Konsequenzen armer Staaten. Und er belegt diese Annahme auf verschiedensten Ebenen. Einige möchte ich hier auflisten. Für die jeweils genaueren Hintergründe lege ich euch das Buch sehr ans Herz.

Beispiele für die Externalisierungen sind

  • der „Export“ von landwirtschaftlichen Anbauflächen für unseren Bedarf – etwa für Soja für unsere tierischen Lebensmittel oder Palmöl, das in verschiedensten Produkten enthalten ist
  • die Auslagerung von Wasserverschmutzung und des enorm hohen Wasserverbrauchs durch die Textilindustrie und der Gesundheitsfolgen durch den hohen Einsatz von Pestiziden im Baumwollanbau mit all seinen Folgen für Böden, Grundwasser, Tiere und dort lebende Menschen
  • die Betroffenheit von dem vermehrten Auftreten von Wetterextremen und weiteren Lebensgrundlagen bedrohende Veränderungen durch den Klimawandel
  • die Zumutung von unwürdigen Arbeitsbedingungen, damit uns in den reichen und entwickelten Staaten allerlei Rohstoffe und Konsumgüter wie Lithium, Kobalt und Kleidung zur Verfügung stehen.

Doch es geht nicht nur darum, was wir konsumieren, sondern auch darum, was wir, wenn wir es nicht mehr brauchen, wieder wegschmeißen: um den Export von Müll, von Restmüll bis Elektroschrott, in den globalen Süden, wo es katastrophale Folgen hat. Beispielsweise leben Menschen in „Sodom“ im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Elektroschrott der Industrienationen am Rande von Accra, der Hauptstadt Ghanas.

Die Utopie des „grünen Kapitalismus“

Viele Menschen haben heute erkannt, dass es so nicht einfach weitergehen kann. Spätestens, wenn die Folgen unserer Art zu leben und zu wirtschaften auch auf uns zurückfallen, wird mehr Menschen bewusst, dass ewiges Wachstum eine Kehrseite hat. Schon jetzt spüren wir auch in Deutschland den Klimawandel und erleben Fluchtbewegungen – auch wegen des Klimawandels – auf der ganzen Welt. Diese Systemkritik üben beispielsweise die Aktivist*innen der globalen Klimastreiks, die ein Umdenken für mehr Klimaschutz einfordern und die während der Demos rufen:„System change, not climate change“. Und mehr Klimaschutz bedeutet: weniger Konsum. Ein „grüner“ Kapitalismus ist für Stephan Lessenich reines Wunschdenken:

„Denn es gibt kein Wachstum ohne wachsenden Rohstoff- und Energieverbrauch – und damit auch ohne weitergehende Zerstörung von Natur und Lebensraum. Vor allen Dingen gibt es kein Wachstum in den früh industrialisierten, spätestens vom Wachstumsboom der Nachkriegsjahrzehnte zu Hochleistungs- und Extremkonsumökonomien aufgepumpten Gesellschaften des globalen Nordens, das nicht auf Kosten der strukturellen und mit jedem Prozent BIP-Steigerung immer noch weiter getriebenen Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und sozialen Lebenswelten im globalen Süden gehen würde.“

Stephan Lessenich

Haben wir das nicht alles längst gewusst?

Dass ein globalisierter Kapitalismus krasse Folgen für Mensch, Tier und Umwelt hat, ist schon lange bekannt. Doch wer möchte schon wissen, welche Konsequenzen unsere Art zu leben und zu wirtschaften irgendwo auf der anderen Seite der Erdkugel haben mögen? Oder wissen wir es nicht alle längst?

„Doch wenn dem so wäre [also dass wir längst um die Konsequenzen wüssten], dann wäre genau dies bezeichnend. Bezeichnend dafür, dass es nicht in erster Linie fehlendes Wissen ist, das die Externalisierungsgesellschaft alltagspraktisch trägt, sondern – in einer unbestimmten Mischung aus Bequemlichkeit und Unwohlsein, Sorglosigkeit und Überforderung, Gleichgültigkeit und Angst – ein verallgemeinertes Nicht-wissen-Wollen.“

Stephan Lessenich

Verantwortung übernehmen, ethisch bewusst handeln – das sind Denkweisen, die in allen Bereichen unserer Gesellschaft gefragt sind, wenn wir die vielfältigen Leidensformen endlich beenden möchten.

Mehr zum Thema Externalisierung

Die Auslagerung von Kosten, von Umwelt- und Sozialkosten, wird am Beispiel von Fast Fashion deutlich. Bereits vor etwas mehr als einem Jahr habe ich hierüber einen Beitrag geschrieben.

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