Fahrradweg in Kopenhagen über einem Kanal
Gesellschaft

Das Fahrrad als Haupt-Verkehrsmittel der Zukunft?

In deutschen Städten ist das Fahrradfahren mit einigen Strapazen verbunden. Unebenheiten und Löcher auf dem Weg, keine klare Trennung zu Fußgängern. Verläuft der Radweg auf der Straße, werden Fahrradfahrer oftmals mit hauchdünnem Abstand von Autos überholt. Hinzu kommen Radwege, die einfach auf der Straße enden oder von Autofahrern als Parkstreifen genutzt werden. Das geht auch besser ¬– das zeigen bekannte Fahrradstädte wie Kopenhagen. Bei einer Reise in die Hauptstadt Dänemarks ist mir aufgefallen, wie viele Fahrradfahrer es gibt und wie anders die Straßen wirken, einfach nur, weil den Fahrradfahrern im Vergleich zu deutschen Städten mehr Platz eingeräumt wird.

Die Fahrradwege sind dort ein Traum für jeden Fahrradfahrer: Breite, asphaltierte Radwege, die klar vom Gehweg und der Straße getrennt sind. Und die Stadt setzt sogar noch einen drauf: Bereits acht Superhighways für Fahrradfahrer wurden in Kopenhagen und der umliegenden Region gebaut. Bis 2045 sollen 45 solcher Fahrradstraßen entstehen, die insgesamt 736 Kilometer lang sein werden.

Die Superhighways Kopenhagens verbinden umliegende Regionen mit der Hauptstadt und führen an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel, Schulen, Universitäten, Wohn- und Industriegebieten vorbei. So sollen die Fahrradfahrer im Alltag möglichst kurze und direkte Wege haben. Zugleich wird ein hoher Anspruch an den Komfort und an die Sicherheit gestellt. Glatter Asphalt, Lösungen für gefährliche Kreuzungen und breite Radwege sind Teil des Konzepts.

Warum betreibt Kopenhagen einen so großen Aufwand für Fahrradfahrer?

Das verbesserte Radwegesystem soll Menschen dazu motivieren, auf das Fahrrad umzusteigen. Das offiziell erklärte Ziel des Stadtrat Kopenhagens ist es, die fahrradfreundlichste Stadt der Welt zu werden, welches er inzwischen erreicht hat. Die Straßen für den Autoverkehr sollen leerer werden.

Steigen tatsächlich mehr Menschen auf das Fahrrad um, verbessert sich zusätzlich die Luftqualität durch den verringerten Autoverkehr. Die Stadt geht durch ihre Strategie somit systematisch gegen den Verkehr als wichtiger Emittent von Treibhausgasen vor und leistet einen Beitrag dazu, die erklärten Klimaziele zu erreichen.

Ganz nebenbei profitieren auch die Umsteiger davon: Wer täglich Fahrrad fährt, ist fitter, beugt Übergewicht vor und stärkt das Herz-Kreislauf-System.

Zahlreiche Fahrräder, angeschlossen am Straßenrand
In Kopenhagen werden Fahrräder als Verkehrsmittel mit großem Potenzial anerkannt. (Foto: Kira Jacobs)

Ein Blick nach Deutschland: Schlechte Infrastruktur, gefährliche Kreuzungen und parkende Autos auf dem Radweg

In Deutschland sieht die Situation für Fahrradfahrer in vielen Städten lange nicht so rosig aus wie in Kopenhagen. Jeder, der regelmäßig Wege mit dem Fahrrad zurücklegt, kennt Situationen, wie diese: Selbst in dem kleinen Örtchen an der Nordsee, in dem ich aufgewachsen bin, bin ich täglich auf dem Schulweg an einer Parkplatz-Ausfahrt vorbeigefahren, an der es regelmäßig zu brenzligen Situationen kam. Die Autofahrer fuhren oft auf den Fuß- und Radweg vor, um bessere Sicht auf die Straße zu erhalten. Nicht jeder Autofahrer vergewisserte sich jedoch, ob sich ein Fußgänger oder Radfahrer auf dem Weg näherte. Wer die gefährliche Stelle kennt, fährt bereits bremsbereit an die Ausfahrt heran und sucht den Blickkontakt zum Autofahrer, um einen Unfall zu verhindern.

Ein Lkw parkt auf einem Radweg, ein Radfahrer weicht aus
Leider kein seltener Anblick: Ein Lkw parkt auf dem Radweg und zwingt Fahrradfahrer dazu, auf den Gehweg auszuweichen. (Foto: Kira Jacobs)

In solchen Situationen bekomme ich das Gefühl, dass Fahrradfahren mitunter sehr gefährlich ist. Unfallstatistiken belegen diesen Verdacht: 2017 kamen deutschlandweit 382 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. Es gab außerdem 14.124 Schwerverletzte. Zwar hat sich die Zahl der Verkehrstoten auf lange Sicht stark verbessert – im Jahr 2000 kamen noch 659 Menschen ums Leben – doch in den vergangenen Jahren stagnierte die Statistik auf dem aktuellen Niveau. So waren es 2010 381 getötete Fahrradfahrer.

Eine Hauptursache für die hohe Anzahl an Unfällen mit Fahrradfahrern und für die ausbaufähige Fahrradinfrastruktur liegt darin, dass das Radwegesystem in vielen Städten und Gemeinden keine hohe Priorität genießt. Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte erst in der vergangenen Woche, dass keine der sechs größten deutschen Städte mehr als fünf Euro pro Person und Jahr in die Fahrradinfrastruktur investiere. Einige der Städte protestierten gegen die veröffentlichten Zahlen, beispielsweise München: Die Stadt gebe jährlich laut der Analyse von Greenpeace gerade einmal 2,30 Euro pro Person für diesen Zweck aus. Ein Sprecher der Stadt München widersprach und erklärte, die Stadt investiere mehr als sechs Euro pro Person und Jahr. Doch selbst mit diesen höheren Ausgaben liegt München weit hinter Vorreiter-Städten wie Kopenhagen mit 35,60 Euro, die jährlich pro Person in die Verbesserung der Radwegesysteme investiert werden.

In manchen Städten – insbesondere in Stuttgart – ist das Problem noch tiefer verwurzelt: Die Stadt ist auf die Steuergelder der ansässigen Autohersteller angewiesen. Zudem sind diese wichtige Arbeitgeber der Region. Dementsprechend sind politische Entscheidungen, die den Radverkehr erhöhen und infolgedessen den Autoverkehr verringern sollen, schwer durchzusetzen. So erklärte Alexander Kotz, CDU, dass er es nicht unterstütze, wenn bestehende Parkplätze in Radwege umgebaut werden sollen. Das zeigt, welch hohen Stellenwert die Automobilindustrie und damit gute Bedingungen für Fahrer von Pkw haben. Zwar plädiert Kotz auf seiner Webseite dafür, sinnvolle Radwegeverbindungen auszubauen. Seiner Aussage nach zu urteilen darf dieses Ziel jedoch nicht unter Einbußen für den Autoverkehr umgesetzt werden.

Asphaltierte, zweispurige Fahrradbrücke in Kopenhagen
Die perfekte Fahrradbrücke: asphaltiert, zweispurig und getrennt von Fußgängern und Autofahrern. (Foto: Kira Jacobs)

Hinzu kommen gefährliche Situationen, die etwa beim Rechtsabbiegen von Lkw entstehen. Befindet sich der Fahrradfahrer im toten Winkel und es kommt zum Zusammenstoß, hat der Radfahrer kaum Überlebenschancen. Ein Horrorszenario für beide Beteiligten: Fahrradfahrer und Lkw-Fahrer.
Lösungen wie der Abbiegeassistent für Lkw lassen jedoch auf die Zukunft hoffen. London nimmt bei der Reduzierung von Unfällen beim Rechtsabbiegen eine besondere Vorreiterrolle ein: Ab dem Jahr 2020 sollen Lkw dahingehend beurteilt werden, wie gut die Sicht aus dem Fahrerhaus ist. Lkw mit schlechter Sicht werden ein Fahrverbot erhalten.

Bei den Ursachen für gefährliche Situationen ist jedoch auch bei den Fahrradfahrern selbst zu suchen: Immer wieder kann man beobachten, wie Fahrradfahrer auf die Straße fahren, ohne sich umzusehen, bei Rot eine Ampel überqueren, Abbiegen oder Anhalten, ohne vorher ein Handzeichen zu geben. Die Liste lässt sich noch lange fortführen. Bestehende Regeln des Verkehrsrechts sollten klarer befolgt, erweitert und kontrolliert werden. Nur wenn auch die Radfahrer für die Regeln sensibilisiert werden, können sie selbst zum sichereren Fahrradfahren in Deutschland beitragen.

Fahrradfahrer als gleichwertige Verkehrsteilnehmer

Wenn die deutschen Städte es schaffen möchten, dass die vielerorts verstopften Straßen freier werden, werden höhere Investitionen in eine bessere Fahrradinfrastruktur unumgänglich sein. Bessere und sichere Radwege schaffen einen Anreiz, alltägliche Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen. Gleichzeitig können Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors verringert werden. Zudem profitieren die Menschen von den zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen der täglichen Bewegung, wenn sie auf das Fahrrad umsteigen.

Doch um all diese Vorteile ausschöpfen zu können, ist es zunächst nötig, dass das Fahrrad (wieder) als gleichwertiges Verkehrsmittel anerkannt wird. Erkennt man das an, sind steigende Investitionen in die Infrastruktur die einzig logische Konsequenz, die sich daraus ziehen lässt.

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