Regenjacke aus recycelten PET-Flaschen, getragen von Bloggerin Kira Jacobs
Gesellschaft

Slow it down – Stoppt die Fast Fashion Industrie

Ein durchschnittlicher Deutscher kauft sich laut Greenpeace 60 Kleidungsstücke im Jahr. Als ich auf diese Zahl gestoßen bin, geriet ich sofort in Versuchung, mein eigenes Kaufverhalten zu analysieren. Also ließ ich das Jahr 2018 Revue passieren (auch wenn es natürlich noch nicht ganz vorbei ist): Inklusive drei Paar Schuhe komme ich auf neun neue Kleidungsstücke und sieben gebrauchte. Das ist immer noch mehr als ein Kleidungsstück pro Monat, aber dennoch weit weniger, als sich ein Durchschnitts-Deutscher laut Greenpeace kauft.

Dass ich nicht ganz so viel Kleidung kaufe, liegt vor allem daran, dass ich mir nur „Lieblingsstücke“ zulege, also Teile, die ich sehr wahrscheinlich auch in zwei oder fünf Jahren noch gerne tragen werde. Ob nun gerade Gelb, Grün oder Gold modern ist, ob kurz oder langgeschnittene Oberteile, ob Jeans oder Stoffhose, ob Bluse oder Top spielt für mich keine Rolle. Stattdessen entscheide ich mich für Kleidung, in der ich mich wohlfühle. Und so kommt es, dass sich in meinem Kleiderschrank auch noch Kleidungsstücke befinden, die ich auch schon vor sechs Jahren getragen habe.

Mit diesem Verhalten gehöre ich scheinbar einer Minderheit an, denn der Trend geht in die entgegengesetzte Richtung: Modelabels bringen nicht mehr nur eine Sommer- und eine Winterkollektion auf den Markt, sondern liefern teilweise jeden Monat – also zwölfmal jährlich – neue Kleidung in die Läden und Lagerhäuser der Online-Shops.

Warum Fast Fashion für Umwelt und Mensch kritisch ist

Natürlich ist die Kleidung, die wir tragen, ein elementares Mittel, um uns nach außen zu präsentieren. Es ist unumstritten, dass unsere Kleidung einen wichtigen Beitrag zu unserem Gesamterscheinungsbild leistet. Ob man nun einen Hoodie mit Jeans trägt oder eine Bluse mit Blazer und einer eleganten Stoffhose, macht einen Unterschied. Viele empfinden das Kaufen eines neuen Kleidungsstücks außerdem als Belohnung und wollen sich selbst etwas Gutes tun. Warum lohnt es sich also, unsere Lust auf immer mehr Kleidung zu hinterfragen?

Umweltkosten der Kleidungsherstellung

Wie bei jedem Produkt, das wir kaufen, werden auch für die Herstellung von Kleidung Ressourcen wie Wasser verbraucht und schädliche Stoffe an die Umwelt abgegeben. Das gilt sowohl für Kleidung herkömmliche Marken wie Zara, H&M oder Tommy Hilfiger als auch für Fair-Fashion und Bio-Marken wie Armedangels (die wohl bekannteste Marke) und die unzähligen weiteren Unternehmen, beispielsweise Hafendieb und Nudie Jeans, die entsprechend zertifizierte Kleidung verkaufen.

Viele unserer Kleidungsstücke enthalten Baumwolle. Die Pflanzen sind sehr durstig und kommen daher in der Regel nicht mit dem Regenwasser aus, sodass sie zusätzlich künstlich bewässert werden müssen. Im weiteren Verarbeitungsprozess nach der Ernte wird ebenfalls weiter Wasser verbraucht. So kommt es, dass für die Herstellung eines Kilogramms Jeans 11.000 Liter Wasser benötigt werden. Wer mehr hierzu erfahren will, kann sich gerne mal beim Water Footprint Network und dem Umweltbildungsprojekt Virtuelles Wasser umsehen.

Ein weiterer Punkt, der nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Angestellten auf den Feldern schädlich ist, ist der Einsatz von Pestiziden. Da Baumwolle an anfälligen Pflanzen wächst, wird zu dessen Schutz beim herkömmlichen Anbau sehr viel davon eingesetzt. Diese Belastung entfällt natürlich bei der Verwendung von Bio-Baumwolle.

Im weiteren Verarbeitungsprozess der Kleidung kommen weitere Chemikalien zum Einsatz, beispielsweise zur Färbung des Stoffs. Wer solche Chemikalien einsetzt, muss die Abfallprodukte auch entsorgen. Da es in den wichtigsten Herstellungsländern jedoch keine oder kaum Vorschriften für die Entsorgung gibt oder diese schlicht nicht eingehalten werden, finden die chemischen Abfälle ihren Weg in das Abwasser, die Umwelt und das Grundwasser.

All die Verarbeitungsschritte vom Anbau der Baumwollpflanzen über die Herstellung des Fadens bis hin zum Nähen des Kleidungsstücks benötigen natürlich auch Energie. Hinzu kommt, dass die Kleidung, wenn sie dann fertig ist, sich noch in weit entfernten Staaten wie Bangladesch, China oder Pakistan befindet. Sie muss dann erst einmal nach Europa transportiert werden, wo sie in die Lagerhäuser und Einkaufsläden verteilt wird. Bei jedem einzelnen dieser Schritte werden Treibhausgase freigesetzt, die den Klimawandel weiter vorantreiben.

Kosten für die Menschen

In einer Branche, in der massenhaft Chemikalien eingesetzt werden – sei es beim Anbau von Baumwolle oder bei der Verarbeitung der Kleidung– sollte der Schutz der Angestellten oberste Priorität haben. Die Realität ist jedoch eine andere: fehlende Atemmasken und direkter Hautkontakt mit Chemikalien belasten die Arbeiter und Arbeiterinnen.

Hinzu kommen die allgemein schlechten Arbeitsbedingungen. Da die neuen Kollektionen in kürzester Zeit geliefert werden müssen, besteht ein hoher Zeitdruck. Die meisten Modeunternehmen lassen ihre Mode in Ländern nähen, in denen die Herstellung wesentlich günstiger ist als innerhalb der EU. Wer einen Blick auf die Schildchen in seiner Kleidung wirft, wird vermutlich Herkunftsländer wie China, Bangladesch oder Vietnam vorfinden. Die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen sind in diesen Ländern oftmals katastrophal: fehlender Schutz vor Chemikalien, eine schlechte Gebäudesicherheit, das Risiko bei Krankheit oder Schwangerschaft den Job zu verlieren, kein Urlaubsanspruch, lange Arbeitstage, Kinderarbeit und ein so mickriger Lohn, dass er bei weitem nicht zum Leben reicht. Spätestens seit dem Einsturz eines Fabrikgebäudes im Jahr 2013 in Bangladesch sollte uns klar sein, dass die günstige Mode, die wir hier kaufen können, an anderer Stelle einen hohen Preis hat – die Armut und das Risiko der Näher und Näherinnen.

Zurzeit machen Medienberichte auf die menschenunwürdigen Bedingungen in der Kleidungsherstellung aufmerksam. Das erste Mal in der Geschichte wird eine europäische Kleidungsmarke – in diesem Fall Kik – für den unzureichenden Brandschutz in einer Fabrik in Karatschi, Pakistan, gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Die Kleidungsfabrik geriet im Jahr 2012 in Brand und mehr als 250 Menschen kamen infolge dessen ums Leben. Kik ist dabei nicht Eigentümer der Fabrik, sondern beauftragte die pakistanische Firma mit der Herstellung. Da jedoch fast die gesamte Kapazität der Fabrik für den Auftrag von Kik eingesetzt wurde, sehen die Kläger die Firma mit in der Verantwortung, für einen ausreichenden Schutz der Angestellten zu sorgen. Noch hat der Prozess jedoch nicht begonnen, da zunächst geklärt werden muss, ob Verjährungsfristen nach pakistanischem Recht verstrichen sind.

Kleidungsmüll

Der letzte Aspekt, der Fast Fashion zu einem Problem macht, ist der Abfall. Wer viel neue Kleidung kauft, mistet seinen Kleiderschrank auch mehr oder weniger regelmäßig aus. Dann landet die aussortierte Kleidung bestenfalls bei Bedürftigen oder einem Käufer, schlimmstenfalls in der Müllverbrennung.

Die Gegenbewegung: Slow Fashion

Aufdruck: 100% recycelte PET-Flaschen

Slow Fashion meint zum einen den Käufer, der sich bewusst nur solche Kleidung kauft, die er auch lange tragen wird. Zum anderen wird auch die Herstellerseite mit einbezogen: Slow Fashion Kleidungsstücke sind von so guter Qualität, dass sie robust genug sind, um auch jahrelang getragen werden zu können. Gleichzeitig werden auf Herstellungsbedingungen geachtet – fair gehandelte Mode ist also ebenfalls ein Aspekt von Slow Fashion. Und schließlich geht es bei der Bewegung auch um Nachhaltigkeit, also beispielsweise um die Verwendung von Bio-Baumwolle und Recyclingprodukten anstelle von herkömmlichem Polyester. Zum Beispiel habe ich eine Regenjacke, die aus recycelten PET-Flaschen besteht (und ganz wunderbar vor unserem norddeutschen Schietwetter schützt).

Secondhand Kleidung kann Slow Fashion sein, da kein neues Produkt hergestellt werden muss. Jedoch gilt auch hier: Slow Fashion ist nur, was der Käufer lange tragen kann und wird. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht jede Secondhand-Mode und nicht jedes fair produzierte Kleidungsstück als Slow Fashion bezeichnet werden kann. Der Pulli, der komplett mit Glitzer Pailletten besetzt ist und auf dem ein fröhliches Rentier prangt, ist und bleibt Fast Fashion, trotz fairer Herstellung und ökologischer Rohstoffe.

„Faire Mode ist zu teuer!“

Obwohl ich mich noch gar nicht so lange mit diesem Thema beschäftige, habe ich bereits die Erfahrung gemacht, dass eine Bemerkung sehr häufig fällt, wenn ich das Thema faire Mode anspreche: „Faire Mode kann man sich gar nicht leisten!“ An dieser Stelle muss ich mir auch an die eigene Nase fassen. Als ich das erste Mal mit der Frage konfrontiert wurde, ob ich beim Kleider-Shoppen auf Nachhaltigkeit und Fairness achte, habe ich abwehrend reagiert. Das wäre ja viel zu teuer für mich als Studentin, die ich zu dem Zeitpunkt noch war. Und überhaupt gebe es da ja nur Strickpullis, Jesus-Schlappen und Leinenkleider. Auswahl? Fehlanzeige. Die Wahrheit war: Ich hatte mich noch nie mit der Frage beschäftigt und fühlte mich angegriffen und moralisch unterlegen.

Leider bin ich nicht die Einzige, die sich lange Zeit gar nicht erst über Kleidung informiert hat, die Fairtrade und Bio-zertifiziert ist. Wir halten an unserem bisherigen Verhalten fest und glauben an die Vorurteile – obwohl diese gar nicht stimmen. Denn wie bei nicht-fairer Kleidung gibt es auch in der Fair-Fashion Branche Marken mit höheren und niedrigeren Preisen. Ich habe mir dieses Jahr beispielsweise ein T-Shirt für 23 Euro gekauft – ein Preis, über den man meiner Meinung nach nicht klagen kann. Viele herkömmliche Marken fordern ähnliche Preise für ein T-Shirt. Und auch die Auswahl hält viel bereit, sodass Menschen mit verschiedenen Modegeschmäckern auf ihre Kosten kommen können.

Und: Wem faire Kleidung trotzdem noch zu kostspielig ist, muss ja nicht unbedingt ein neues Kleidungsstück kaufen. Die Anzahl an Secondhand-Shops ist steigend und auch online finden sich zahlreiche Verkaufs- und Tauschportale für Kleidung. Für einmalige Anlässe gibt es sogar Anbieter, die Kleidung verleihen – oder man fragt einfach mal eine Freundin, ob man sich nicht vielleicht ein Cocktailkleid für einen festlichen Anlass ausleihen kann. Und zu guter Letzt muss ein T-Shirt noch lange nicht im Müll landen, nur weil es einen Riss oder ein Loch hat. Einmal Nadel und Faden in die Hand genommen und schon ist es (fast) wie neu. Wenn es gar nicht mehr zu retten ist, reicht es ja vielleicht immer noch, um es bei Renovierungsarbeiten anzuziehen oder um als Putzlappen zu dienen.


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