Gegen den Hass von Carolin Emcke
Buchtipps,  Gesellschaft

Gleiche Rechte für alle – Vielfalt feiern

In Halle ermordete ein Rechtsextremer zwei Menschen und er hatte vor, noch deutlich mehr Menschen in den Tod zu reißen. In Thüringen erzielte die AfD, mit dem Faschisten Björn Höcke als Spitzenkandidat, bei den Landtagswahlen 23,4 Prozent der Wählerstimmen. Hass ist in Deutschland noch immer präsent – ob gegen Juden wie im ersten Beispiel oder gegen die multikulturelle Gesellschaft insgesamt wie bei der AfD, also gegen jede Form von Minderheiten wie Geflüchtete, Muslime und Muslima oder Homosexuelle. Carolin Emcke zeigt in ihrem Essay „Gegen den Hass“, in welchen Gestalten Hass auftreten kann und wie wir ihm begegnen können.

Unsichtbarkeit

Hass gibt es in so vielen Formen und Gestalten. Gegen wen auch immer er sich richtet, diese Menschen werden stets als ein „Nicht-Wir“ beschrieben, als „unrein“ und „andersartig“.
Erinnern wir uns etwa an den 18. Februar 2016 in Clausnitz. Ein Bus mit geflüchteten Menschen erreichte die Unterkunft, in der sie leben sollten. Sie waren die ersten Geflüchteten, die in diesem Gebäude untergebracht wurden. Doch die Personen konnten nicht aus dem Bus aussteigen, denn eine Gruppe hatte sich davor gebildet, die den Bus aufhielt, die Menschen schrien Parolen. Die Insassen wurden schließlich von der Polizei gezwungen auszusteigen, ohne dass die wütende Menge zurückgewiesen worden wäre.
Der Hass richtete sich nicht gegen genau diese Menschen, nicht gegen sie als Individuen. Sie richtete sich gegen „die Geflüchteten“, gegen „die Politik“, die die Geflüchteten ins Land ließ. Die Menschen im Bus wurden als Individuen unsichtbar. Sie standen lediglich stellvertretend für eine Gruppe, der sie zugeordnet wurden und auf die sich der Hass dieser Menschengruppe bezog. Dass die Menschen natürlich dennoch unter dieser Erfahrung leiden – und zwar ganz persönlich und individuell –, steht außer Frage.

Hass im Gewand der Sorge

Die Debatte drehte sich auch immer wieder um die „besorgten Bürger“, eine Formulierung die mittlerweile einen so starken Beiklang hat, dass ich sie selbst nicht mehr verwenden mag. Was jedoch zentral ist: Es geht um Sorgen. Und diese solle man ernst nehmen, so lautet stets der Tenor. Das ist korrekt. In einer Demokratie geht es darum, gesellschaftliche Probleme, die Sorgen bereiten, ausfindig zu machen, und Lösungswege zu finden und zu diskutieren. Es geht jedoch auch darum, zu fragen, was die Sorge ausgelöst hat und worauf sie sich bezieht. Stimmen Auslöser der Sorge und Bezug der Sorge überein? Denn nicht immer ist die Person oder Personengruppe, gegen die sich ein durch Sorgen ausgelöster Hass richtet, auch wirklich Auslöser und Ursache.
Ich möchte diesen Gedanken an einem Beispiel erläutern, in dem es auch um Emotionen geht, jedoch um eine deutlich harmlosere: um Gereiztheit. Es gibt Tage, an denen läuft es einfach nicht so richtig. Man hat schlecht geschlafen, sich beim Frühstück die Müslischale mitsamt Inhalt über die Kleidung geschüttet, es regnet und man kommt schon durchnässt bei der Arbeit, in der Uni oder in der Schule an. Am besten haben sich dazu noch Kopfschmerzen eingestellt und der Fahrradreifen ist platt. Kurzum: Es hat schon bessere Tage gegeben. Es könnte passieren, dass man sich im nächsten Gespräch daneben benimmt, indem man kurz angebunden oder provozierend reagiert oder sich persönlich angegriffen fühlt, obwohl der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin rein gar nichts mit der Ursache der Gereiztheit zu tun hat. Das ist das gleiche Phänomen, das auch bei Sorgen vorliegen kann.
Wir müssen und dürfen nicht akzeptieren, wenn Rechte gegen geflüchtete Menschen hetzen, nur weil diese besorgt sind. Wir sollten jedoch fragen, weshalb diese Menschen besorgt sind. Etwa, ob es vielleicht eine Konzernschließung in der Region und die damit einhergehende Arbeitsunsicherheit sind und nicht die geflüchteten Menschen, die tatsächlich Auslöser der Sorge sind. Oder ob wir die Ursachen nicht vielleicht in dem noch immer vorhandenen Gefühl des Abgehängt-Seins in den neuen Bundesländern im Vergleich zu den alten Bundesländern suchen müssen.

Rein, ursprünglich und homogen

Einen weiteren Teil ihres Buches widmet Emcke diesen drei Adjektiven: rein, ursprünglich und homogen. Diese Beschreibungen finden sich in rassistischem Gedankengut immer wieder. So wird sich auf ein vermeintlich früher einmal vorhanden gewesenes Ideal berufen (ursprünglich), das in der Regel gar nicht existent war. Es wird als Ideal eine möglichst homogene Bevölkerung angestrebt, in der alle Abweichenden sich anpassen müssen oder nicht teilhaben können. Was jedoch genau eigentlich besser sein soll an einer homogenen Gesellschaft, darauf sucht man vergebens eine Antwort. Und schließlich lässt eine Reinheit keine Pluralität zu, etwa Pluralität in Glaubensrichtungen oder sexuellen Orientierungen.
Hierzu ein kleiner Ausschnitt aus dem aktuellen Wahlprogramm der Thüringer AfD zur Landtagswahl, von dem ich mich persönlich selbstverständlich ausdrücklich distanzieren möchte: „Den Irrweg einer multikulturellen Gesellschaft, den die Altparteien künftigen Generationen aufzwingen wollen, werden wir mit aller Konsequenz und ohne Rücksicht auf die Regeln der sogenannten politischen Korrektheit rechtsstaatlich beenden“. Die AfD macht keinen Hehl daraus, dass sie eine homogene Bevölkerung anstrebt, in der es nur ihr Volk (und kein anderes) geben kann und keine abweichenden Vorstellungen zulässig sind.

Vielfalt leben und feiern

Was wir jedoch tun können gegen Hass, gegen Diskriminierung, gegen Rassismus und Faschismus, ist weiterhin so bunt und vielfältig zu sein: mit diversen Glaubensrichtungen, Hautfarben, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen, Lebensvorstellungen. Und diese Vielfalt zu feiern. Denn diese Vielfalt, diese Freiheit, so zu leben, wie jede*r es gerne möchte, schützt auch unsere ganz eigene Freiheit, ein Individuum zu sein, wie Carolin Emcke schreibt:

„Allein ist niemand einzigartig, sondern nur allein.“

Wir müssen dabei nicht jede Lebensform mögen oder für uns in Betracht ziehen, aber andere lassen können. Und neugierig sein. Und wir sollten nicht nur dann für Vielfalt einstehen, wenn wir uns selbst zu einer Minderheit zählen, gegen die sich Hass richtet. Gegen Hass vorzugehen ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft:

„Es kann nicht sein, dass nur die, die ausgegrenzt oder missachtet werden, um ihre Freiheit und ihre Rechte ringen müssen. Sondern es muss im Interesse aller liegen, dass die gleiche Freiheit und die gleichen Rechte auch allen zugestanden werden.“

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