Kira hält das Buch "Sprache und Sein" vor ihr Gesicht
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Nicht der Rede wert?

Manch einer Person mag es aufgefallen sein, dass ich zu Beginn dieses Blogs noch nicht gegendert habe, inzwischen jedoch hier wie auch abseits des Bloggens auf eine gendersensible Sprache achte – auch wenn ich es sicherlich nicht perfekt mache. Wieso, weshalb, warum ich mich dafür entschieden habe, möchte ich gerne mit euch teilen.

Ungleichheit in der Sprache

Ausgangslage ist das generische Maskulinum, das die männliche Form nutzt, andere Geschlechter aber mitmeint. Frauen und nicht-binäre Menschen sind in dieser Form der Sprache also nicht direkt sichtbar, obwohl das Deutsche durchaus differenzieren kann: Ein Frauen-Chor besteht aus Sängerinnen, ein Publikum aus Zuhörerinnen und Zuhörern. Von dieser Differenzierung wird mitunter durchaus Gebrauch gemacht – vor allem dann, wenn es um stereotype Rollenbilder geht: So hörte ich erst vor ein paar Tagen in den Nachrichten „Erzieherinnen“ und „Pflegerinnen“, als es um diese Berufe ging, obwohl sie natürlich unabhängig vom Geschlecht ausgeübt werden können.

Das generische Maskulinum spiegelt auf diese Weise eine uralte Rollenverteilung wider: Der Mann ist die Norm, alle anderen Geschlechter sind die Abweichung. Der Mann ist Mensch, die Frau Mensch mit Geschlecht. Wenn es zur Nennung kommt, werden Rollenverteilungen reproduziert: Pflege- und Erziehungs-Jobs werden auch sprachlich zur Frauensache erklärt.

Sichtbarkeit

Eine gendersensible Sprache macht also sichtbar – sie zeigt, dass unsere Gesellschaft nicht nur aus Männern, sondern auch aus Frauen und nicht-binären Menschen besteht. Darüber hinaus geht es auch um die Ansprache. Es gibt zahlreiche Frauen und nicht-binäre Personen, die sich nicht vom generischen Maskulinum angesprochen fühlen, sich nicht in ihm wiederfinden. Mir ist natürlich bewusst, dass dies nicht alle betrifft und manch eine Frau sich selbst etwa als „Ingenieur“ betitelt. Es gibt jedoch einen Aspekt, der uns wirklich alle – meist ganz unbewusst – betrifft:

Bilder im Kopf

Wie können wir respektvoll miteinander sprechen? Wie ist Sprache mit uns, unserem Denken verbunden? „Sprache und Sein“ bietet einen spannenden Einstieg in dieses Thema. (Foto: Kira Jacobs)

Sprache erzeugt Assoziationen, Bilder im Kopf. Das zeigt Kübra Gümüşay in „Sprache und Sein“ eindrücklich mithilfe eines kleinen Selbsttests:

„Ein Vater und ein Sohn sind mit dem Auto unterwegs und haben einen Unfall, bei dem beide schwer verletzt werden. Der Vater stirbt während der Fahrt zum Krankenhaus, der Sohn muss sofort operiert werden. Bei seinem Anblick jedoch erblasst einer der diensthabenden Chirurgen und sagt: ‚Ich kann ihn nicht operieren – das ist mein Sohn!‘“

(Hinweis: Es gibt genau genommen mehrere Auflösungen: Heteronormativ gedacht, ist der Chirurg eine Frau, nämlich die Mutter. Es könnte sich jedoch genauso gut um ein homosexuelles Paar handeln, dann wäre es tatsächlich ein Mann.)/S.19

Was einige von euch nun vielleicht als einen kleinen Moment der Irritation erlebt haben, konnten auch Studien zeigen. Die Bekannteste ist wohl von Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny und Friederike Braun. Wird das generische Maskulinum genannt, denken Proband*innen seltener an weibliche und nicht-binäre Personen, als wenn eine geschlechtsneutrale Form (z.B. „Romanfigur“ anstelle von „Romanheld“) oder eine gegenderte Form genutzt wird. Ganz unbewusst denken wir eher an einen Mann, wenn das generische Maskulinum verwendet wird. Und, wenn ich das hier auch noch in den Raum werfen darf: Es ist wahrscheinlich, dass euer Chirurg nicht nur männlich, sondern auch weiß war und keine BIPoC.

Mit einer gendersensiblen Sprache sollen Menschen jedes Geschlechts sichtbar sein. Ungleichheiten, die zwischen den Geschlechtern bestehen, sollen durch den Sprachgebrauch nicht weiter zementiert, sondern gelöst werden.

Ungleichheit aufgrund des Geschlechts

Ungleichheiten bestehen heute nach wie vor – eine Gleichstellung ist noch immer nicht erreicht. Ich beschränke mich hier auf eine unvollständige Aufzählung, um nur ein Gefühl für das Ausmaß dieser Ungleichheit zu ermöglichen:

• Gender Pay Gap – die wohl bekannteste Form der Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern. In Deutschland verdienten Frauen im Jahr 2019 durchschnittlich 20 Prozent weniger pro Stunde als Männer.
• Gender Data Gap in der Medizin: Medizinische Produkte und auch medizinische Behandlungen werden i.d.R. auf Männer ausgerichtet. Das führt dazu, dass Frauen nicht die beste Behandlung bekommen, die sie bekommen könnten, da Medikamente je nach Geschlecht anders wirken können und Männer und Frauen bei einigen Krankheiten unterschiedliche Symptome aufweisen. (Einen kurzen Input hierzu gibt’s von Jan Böhmermann. Weniger satirische Informationen gibt es etwa beim Deutschen Ärztinnenbund).
• Gewalt gegen Frauen: 2019 kam fast jeden dritten Tag eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner ums Leben. Insgesamt nimmt die Gewalt gegen Frauen zu.
• Falsche Ansprache: Nicht-binäre Personen werden mitunter mit dem falschen Pronomen angesprochen, weil sie beispielsweise als weiblich gelesen werden, obwohl sie sich gar nicht dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.
• Unbezahlte Care-Arbeit, etwa bei der Pflege von Angehörigen und der Kindererziehung, wird überwiegend von Frauen übernommen.
• Sowohl Frauen als auch nicht-binäre Menschen erleben Hassrede und Cybermobbing aufgrund ihres Geschlechts.

Alle sind der Rede wert

Sprache ist nicht losgelöst vom restlichen Geschehen, von diesen genannten Ungleichheiten, sondern ein fester Bestandteil davon. Sprache schafft Wirklichkeit und Wirklichkeit bestimmt unsere Sprache. Genau deshalb ist es so unheimlich wichtig, dass wir auf dem Weg der Gleichberechtigung und der Anti-Diskriminierungsarbeit Sprache ebenfalls gleichberechtigt und diskriminierungsfrei machen.

Zur Diskriminierungsfreiheit gehört natürlich nicht nur die gendersensible Sprache, sondern auch der Verzicht auf diskriminierende Begriffe und Formulierungen gegenüber allen marginalisierten Gruppen. Es geht daneben auch darum, zu reflektieren, wann wir in problematischen Stereotypen denken und diese durch unsere Sprache reproduzieren.

Ein praktischer Effekt des Genderns ist übrigens, dass ich nun viel genauere Aussagen machen kann: Wenn ich von Philosophen aus längst vergangenen Zeiten spreche, ist sofort klar, dass ich hier nun wirklich nur Männer meine. Keine Person ist in dieser Ausdrucksweise irgendwie irgendwo zwischen den Buchstaben einfach nur mitgemeint. Denn ich bin der festen Überzeugung: Ja, wir sind alle der Rede wert!

Was heißt hier…

…Gender und Geschlecht?

Das Geschlecht bezieht sich auf die biologischen Merkmale, die angeboren sind. Gender bezeichnet hingegen das soziale, gelebte und gefühlte Geschlecht. Die beiden Ausprägungen können übereinstimmen oder auseinanderfallen. Eine Person, die biologisch eine Frau ist und sich auch als solche fühlt, ist eine Cis-Frau. Würde die Person sich hingegen als Mann fühlen, wäre sie eine Transperson.

…BIPoC?

Die Abkürzung steht für Black, Indigenous and People of Color, also Schwarze, Indigene und Personen of Color. BIPoC ist eine Selbstbezeichnung von Personen, die rassistisch diskriminiert werden.

Gendern in der Praxis:

• Auf gendern.de findet ihr unter anderem ein praktisches Gender-Wörterbuch mit Formulier-Tipps, wenn euch der Start schwer fällt.
Genderleicht richtet sich in erster Linie an Medienschaffende, ist allerdings sicherlich auch für andere Interessierte sehr aufschlussreich.
• Viele Informationen und Begriffserklärungen rund ums Thema findet ihr auf Genderdings.

Ein Kommentar

  • Sascha Tebben

    Oh herzlichen Dank liebe Kira, für diesen ausgesprochen wichtigen Beitrag zum Thema „gendersensible Sprache“. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei in die oben genannte Falle zu tappen. Früher habe ich gar nicht darüber nachgedacht, aber mittlerweile finde ich es ebenso wichtig auf seine Sprache, die zur Wirklichkeit wird und Wirklichkeit die zur Sprache wird, zu achten! So auch in unserer Firma achten wir künftig stärker auf dieses Thema, nicht zuletzt auch einmal mehr aufgrund deines heutigen starken Blogbeitrags! Danke.

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