Landwirtschaftlich genutztes Ackerland im Herbst
Ernährung & Umwelt

Glyphosat: Umstritten und doch massenhaft eingesetzt

Eine Familie kämpft gegen Monsanto“ titelte Deutschlandfunk vor wenigen Tagen, „US-Gericht lässt weitere Glyphosat-Klage gegen Bayer-Tochter Monsanto zu“ schrieb das Handelsblatt am 21. November, mit „Glyphosat – sich vorbereiten auf die Zeit danach“ richtet sich Agrarheute an die Landwirte und der NDR berichtet: „Glyphosat-Verzicht: In Braunschweig ein Erfolg“. Glyphosat ist in den Medien ständig präsent und das seit Jahren – etwa im Zusammenhang mit der Diskussion über die Zulassung, mit Anklagen, die erkrankte Menschen gegen Monsanto erheben, mit Modellprojekten und mit dem vehementen Beteuern Monsantos, dass Glyphosat gesundheitlich unbedenklich sei. Warum machen wir überhaupt so einen Wirbel um das chemische Mittel?

Verwendung von Glyphosat

Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Herbizid. In der Landwirtschaft werden glyphosathaltige Mittel auf Felder aufgetragen, um Unkraut abzutöten, sodass die Nutzpflanze konkurrenzlos auf dem Feld wachsen kann und daraus eine möglichst ertragsreiche Ernte resultiert. Der bekannteste Hersteller ist Monsanto, der „Roundup“ auf den Markt brachte und sich zunächst ein Patent auf das glyphosathaltige Mittel sicherte. Inzwischen gilt dieses Patent nicht mehr, somit dürfen auch andere Hersteller ähnliche Produkte verkaufen.

In Deutschland werden jährlich rund 6.000 Tonnen der Chemikalie ausgebracht, zum einen im privaten und kommunalen Gebrauch, zum anderen im landwirtschaftlichen Bereich, in der Regel noch vor der Aussaat, da das Mittel sonst auch die Nutzpflanze selbst töten würde. In anderen Staaten, insbesondere die USA und Argentinien sind an dieser Stelle zu nennen, sind jedoch genveränderte Pflanzen zugelassen – diese sind resistent gegen Glyphosat. Die Landwirte können das Herbizid also auch nach der Aussaat auf das Feld auftragen, ohne das die angebaute Pflanze Schaden nimmt. Dementsprechend hoch ist der Glyphosatgehalt in den Pflanzen.

Zwar ist der kommerzielle Anbau genveränderter Pflanzen in Deutschland nicht erlaubt, doch wir kommen trotzdem mit diesen in Kontakt: über die tierischen Produkte. Viele Futtermittel enthalten Soja, dessen wichtigsten Produzenten die USA, Brasilien und Argentinien sind. In allen drei Staaten ist es erlaubt, Gentechnik in der Lebensmittelherstellung einzusetzen. So gelangen stark glyphosathaltige Produkte in Futtertrogen – auch in denen der Nutztiere in Deutschland.

Warum ist Glyphosat so umstritten?

Es ist nicht gesichert, ob Glyphosat eine gesundheitsschädliche Wirkung für Menschen hat oder nicht. In der EU wurde 2017 die Zulassung des Herbizids um fünf Jahre verlängert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kam in einer Bewertung wissenschaftlicher Befunde zu dem Schluss, dass die Substanz wahrscheinlich nicht gentoxisch sei oder eine krebserregende Bedrohung für den Menschen darstelle. Monsanto selbst beruft sich auf diese Bewertung sowie auf Studien, die belegen, dass das Mittel unbedenklich sei. Soweit scheint Glyphosat für den Menschen keine Bedrohung darzustellen.

Inzwischen wurde Monsanto von Bayer für rund 62 Milliarden Dollar gekauft. Was Bayer dabei auch übernahm: Über 9.000 Klagen, die gegen Monsanto laufen. Das erste Urteil fiel im August in Kalifornien. Dort sprach das Gericht dem an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Kläger 285 Millionen Dollar zu. Monsanto legte Berufung ein und nach der erneuten Verhandlung minderte sich die Schadenszahlung auf 78 Millionen Dollar. Allerdings stellte das Gericht klar, dass die wissenschaftlichen Daten, die einen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Glyphosat und der Krebserkrankung des Klägers belegen sollten, nicht ausreichten.

Was ist nun also dran? Ist Glyphosat giftig?

Sieht man sich Dokumentationen an, für dessen Dreharbeiten die Journalisten in die Staaten gereist sind, in denen Glyphosat in großen Mengen eingesetzt wird, kann man kaum zu einem anderen Schluss kommen als zu dem, dass der Einsatz von Glyphosat verboten sein sollte. Beispielsweise lässt die Arte-Dokumentation „Tote Tiere, kranke Menschen“ zunächst einen Landwirt in Deutschland zu Wort kommen, der mit einer schweren Erkrankung einiger seiner Rinder zu kämpfen hat, die teilweise zum Tod führt. Auch der Landwirt selbst leidet unter gesundheitlichen Beschwerden. Wissenschaftler der Universität Leipzig suchten nach einer Ursache in diesem Fall und fanden ein Bakterium, das Clostridium botulinum, in den erkrankten Tieren. Der Landwirt selbst trägt einen Antikörper gegen eben dieses Bakterium in sich, sodass man darauf schließen kann, dass sein Immunsystem früher bereits eine Abwehrreaktion eingeleitet hat. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den Tieren und dem Landwirt ist der hohe Anteil an Glyphosat, der jeweils in den Körpern nachgewiesen werden konnte. Die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Monika Krüger erklärt den Zusammenhang dieser beiden Faktoren, also dem Bakterienfund sowie dem Glyphosatgehalt: Das Glyphosat wirke tödlich für gesundheitsförderliche Bakterien, während pathogene Bakterien nicht beeinträchtigt würden. Dadurch entstehe ein Ungleichgewicht in der Magen-Darm-Flora.

Auch ein dänischer Schweinezüchter stellt seit Jahren schwere Missbildungen wie fehlende Nasen oder Gliedmaßen und eine hohe Anzahl an Fehlgeburten bei seinen Ferkeln und Sauen fest. Er hat den Zusammenhang zum Glyphosat, das die Tiere über das Futter aufnehmen, untersucht und stellte fest: Befindet sich ein Gramm Glyphosat in einer Tonne Futter treten fünfmal mehr Missbildungen und fünfmal mehr Fehlgeburten auf im Vergleich zu einer Fütterung mit nur 0,2 Gramm Glyphosat pro Tonne Futter. Er stieg also auf Futter ohne Gentechnik um, da dieses weniger Glyphosat enthält, auch wenn der Einkaufspreis teurer ist.

Wenn also der Kontakt mit dem Herbizid über die Fütterung zu gesundheitlichen Schäden führen kann, wie sieht es dann in den Regionen aus, in denen es massenhaft im Anbau eingesetzt wird? Die Journalisten der Dokumentation reisten also nach Argentinien und sprachen mit Menschen in verschiedenen ländlich gelegenen Dörfern, die von Sojafeldern umgeben sind. In Argentinien sind rund 90 Prozent des angebauten Sojas genverändert und damit resistent gegen Glyphosat. Ein großflächiges Ausbringen solcher Herbizide ist somit auch nach der Aussaat noch möglich, ohne dass die Sojapflanzen davon Schaden nehmen. So werden die Herbizide teils aus tieffliegenden Flugzeugen über den Feldern abgeworfen – mit Folgen für die Menschen, die dort leben. Die Journalisten sprechen mit Familien, die schwere Schicksale erleiden: schwerkranke Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kamen, Schilddrüsenerkrankungen und Krebserkrankungen sowohl bei Kindern als auch bei erwachsenen Menschen.

Mehrere Untersuchungen, die den Gesundheitszustand der Dorfbewohner im Agrargürtel bewertet haben, kamen zu dem Schluss, dass es in diesen Regionen mehr Fälle an Krebs, Leukämie, Fehlgeburten, angeborenen Missbildungen und eine geringere Anzahl an Schwangerschaften als im Durchschnitt gibt. Eine der Untersuchungen wurde sogar von einer staatlichen Kommission durchgeführt – dreimal mehr Fälle von Leukämie, Lymphknotenschwellungen und Krebs als im Durchschnitt bei Kindern unter 14 Jahren und viermal mehr Missbildungen bei Neugeborenen lautet das bittere Ergebnis. Diese Zahlen hätten die Menschen doch wachrütteln und zu einem Umdenken in der Agrarpolitik führen müssen – doch passiert ist: nichts. Es kam nie zu einer Veröffentlichung von offizieller Seite, denn auch der Staat hat großes Interesse an dem enormen Exportgeschäft.

Wer profitiert von dem Geschäft mit Glyphosat?

Man sollte meinen, dass zumindest die Landwirte durch höhere Erträge von dem Einsatz der Herbizide profitieren. Auf der Webseite von Monsanto kann man hierzu etwa lesen:

„Weeds cause problems in farm fields because they steal water, sunlight, and nutrients from the crops farmers are working hard to grow. To help farmers protect their crops from weeds, we offer a variety of solutions. One of the most popular products is called glyphosate, which is the active ingredient in our Roundup®branded agricultural herbicides. Glyphosate has been a breakthrough for farming.”

Doch: Die Dokumentation “Tote Tiere, kranke Menschen” gibt auch kritisch eingestellten Landwirten die Chance, sich zu der Anpflanzung von genverändertem Soja zu äußern. Sie haben Probleme, weil auch einige der Unkräuter eine Resistenz gegen Glyphosat entwickelt haben. So müssen zusätzliche Herbizide her und noch häufiger Chemikalien auf das Feld ausgebracht werden. Das ist kostspielig für den Landwirt. Ariel Maquirriain, der Soja in Argentinien anbaut, erläutert, dass seine Kosten für Agrarchemikalien in den letzten fünf Jahren um 300 Prozent gestiegen seien.

Wenn also die Landwirte höhere Kosten haben, die die gesteigerten Einnahmen durch höhere Erträge nicht wettmachen können, und die Menschen, die mit Glyphosat in Kontakt kommen, krank werden, wer profitiert dann noch von dem System? Die Antwort ist denkbar einfach: Die Hersteller. Praktisch für sie ist übrigens auch, dass sie nicht nur das Herbizid verkaufen, sondern auch das resistente, genveränderte Saatgut, ohne welches das System gar nicht funktionieren würde.

Als die Journalisten den Landwirt Maquirriain schließlich fragen, ob dieses Modell eine Zukunft habe, sagt dieser resigniert: „Wer weiß das. So ist das hier eben.“ Doch sollten wir das wirklich so hinnehmen, nur weil es sich etabliert hat?

Wachsende Skepsis und aktiver Widerstand

Die Antwort ist ganz klar: Nein! In Argentinien lehnen einige Landwirte Glyphosat inzwischen ab. In „Argentinien: Neue Gegner des Glyphosat“ werden nicht nur weitere Fälle schwerer Erkrankungen von Menschen dokumentiert, die in unmittelbarer Nähe der Felder wohnen, auf denen Glyphosat ausgebracht wird. Sondern es wird auch die Problematik bestätigt, die schon in der vorherigen Dokumentation thematisiert wurde: Durch die entstehenden Resistenzen müssen noch häufiger Glyphosat sowie weitere Unkrautvernichtungsmittel ausgebracht werden, was mit hohen Kosten für die Landwirte einhergeht. Ein Landwirt erzählte im Gespräch mit den Journalisten, dass er genug von dem System habe – er stellte seinen Anbau zum Zeitpunkt der Dreharbeit auf Bio-Soja um.

Und auch in Deutschland, wo Glyphosat in deutlich geringeren Mengen zum Einsatz kommt, gibt es Projekte, durch die das Arbeiten ohne glyphosathaltige Herbizide ausgetestet wird. In Braunschweig verzichtet die Stadt während eines Versuchszeitraums auf jegliche Anwendung von Herbiziden, um städtische Flächen von Unkraut zu befreien. Stattdessen wird das Unkraut mechanisch entfernt. Ob die Stadt nach dem Projektzeitraum weiterhin auf Herbizide verzichten wird, wird im Dezember entschieden. Und in Hessen setzt sich die Landwirtschaftsministerin Priska Hinz für einen Ausstieg aus dem Einsatz von Glyphosat auf der gesamten Fläche des Bundeslandes ein.

Doch ohnehin ist es fraglich, ob Glyphosat in der EU im Jahr 2022 eine erneute Zulassung erhält. Dann läuft die Verlängerungsfrist, die im letzten Jahr entschieden wurde, aus. Theoretisch müssen EU-Mitgliedsstaaten nicht einmal so lange warten – sie haben die Möglichkeit den Einsatz von Glyphosat unabhängig vom EU-Recht zu verbieten.

Kommt also das Aus für Glyphosat?

Es kann derzeit wohl niemand so recht sagen, ob glyphosathaltige Herbizide den Menschen schädigen oder nicht. Doch der Preis ist hoch, wenn wir sie weiter einsetzen, ohne zu wissen, ob sie sicher sind. Wollen wir warten, bis die Forschung weiter ist und wir genauer sagen können, inwiefern Zusammenhänge zwischen Erkrankungen, Missbildungen und Fehlgeburten und Glyphosat bestehen? Oder sollten wir nicht lieber schon jetzt Alternativen erproben – wie etwa in Braunschweig und Hessen oder in der ökologischen Landwirtschaft –, um uns auf eine Umstellung in der Unkrautbekämpfung vorzubereiten? Denn ein Verbot, das ohne Übergangszeit umgesetzt werden müsste, würde alle Beteiligten vor kaum zu lösende Herausforderungen stellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.