Aufgeschlagene Zeitschrift, die gelesen wird
Gesellschaft

Informieren in Zeiten von Social Media, Podcasts, Fake News und rückläufigen Auflagenzahlen von Zeitungen

Es ist Montagmorgen, die Zeitung liegt auf dem Tisch und ich verschaffe mir einen Überblick über die aktuellen Nachrichten. Dabei interessieren mich vor allem politische und wirtschaftliche Hintergrundberichte – den Sportteil blättere ich bloß schnell durch und dann muss ich auch schon aufbrechen. Diese alltägliche Szene gehört in meinem Fall inzwischen der Vergangenheit an. Der Grund ist ganz einfach der, dass es sich nicht um mein eigenes Zeitungs-Abonnement handelte, sondern um das meiner Eltern. Solange ich noch bei ihnen gewohnt habe, konnte ich es also einfach mit benutzen. Dann bin ich ausgezogen – und habe selbst kein eigenes Abonnement abgeschlossen. Seitdem informiere ich mich in verschiedensten Quellen: So nutze ich Nachrichten-Apps und Webseiten klassischer Medien sowie Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Außerdem höre ich Podcasts, beispielsweise von Deutschlandfunk und der Süddeutschen Zeitung, aber auch internationale, etwa der Financial Times.

 

Damit ist meine Familie ein sehr typisches Beispiel für die Rolle der Zeitungen als Informationsmedium in verschiedenen Generationen. Während es für ältere Generationen geradezu selbstverständlich zu sein scheint, eine Print-Ausgabe einer Zeitung zu beziehen oder vielleicht inzwischen ein E-Paper-Angebot zu nutzen, rücken in den jüngeren Generationen kaum neue Zeitungsleser nach. Die Folge ist, dass die Auflagenzahlen der Print-Ausgaben seit Jahren rückläufig sind. Die Zeitungsverlage reagieren darauf mit zusätzlichen Angeboten, wie Nachrichten-Webseiten, Apps, E-Paper-Ausgaben und Podcasts. In vielen Fällen erweist es sich jedoch als Herausforderung, durch diese Zusatzangebote nennenswerte Einnahmen zu generieren. Zwei inzwischen recht verbreitete Modelle für Online-Angebote sind zum einen eine begrenzte kostenlose Nutzung, sodass Nutzer ab einer bestimmten Anzahl gelesener Artikel für einen weiteren Zugang zahlen müssen. Zum anderen unterscheiden einige Zeitungen grundsätzlich zwischen zwei Gruppen von Artikeln – den kostenlos zugänglichen und solchen, die kostenpflichtig sind, unabhängig davon, wie viele Artikel der einzelne Nutzer bereits gelesen hat. Inwieweit solche Geschäftsmodelle weiter an Bedeutung gewinnen und sich weiter entwickeln werden, ist kaum vorherzusagen.

Doch wenn die Zeitung seltener hinzugezogen wird, um sich über nationale, internationale und regionale Ereignisse, Entscheidungen und Entwicklungen zu informieren, wo dann beziehen die Menschen die Informationen?

Kopfhörer auf der Tastatur eines Laptops
Das Informationsangebot ist enorm: Neben den klassischen Medien gibt es zahlreiche Online-Angebote und Podcasts über Politik und Wirtschaft. (Foto: Kira Jacobs)

Das Fernsehen ist die wichtigste Informationsquelle

Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat im vergangenen Jahr im Vorfeld der Bundestagswahl eine Studie durchgeführt, in der es darum ging, herauszufinden, welche Informationsquellen genutzt werden. Das Ergebnis zeigt: Klassische Medien sind nach wie vor am meisten gefragt. Die mit Abstand am häufigsten genannte Hauptquelle für die generelle Information über Nachrichten ist das Fernsehen (38 Prozent). An zweiter Stelle folgt bereits die gedruckte Ausgabe einer Zeitung mit 14 Prozent. Weitere Nachrichtenquellen mit absteigender Wichtigkeit sind Webseiten von Zeitungen, Radio, Soziale Netzwerke, News-Apps, andere Nachrichten-Webseiten, unabhängige Blogs und E-Mail-Newsletter oder RSS-Feeds.

Sieht man sich die Unterschiede in den verschiedenen Altersgruppen an, zeigt sich ein wohl wenig überraschendes Bild: Mit 13 Prozent sind soziale Netzwerke die zweitwichtigste Informationsquelle für 18- bis 34-Jährige. 57 Prozent der Deutschen können sich außerdem vorstellen, sich in Zukunft über soziale Netzwerke zu informieren.

Online-Angebote fördern eine personalisierte Nachrichtennutzung

Die Studie legt somit nahe, dass Online-Angebote in Zukunft an Bedeutung gewinnen könnten. Damit einher geht ein weiterer Trend: Die Personalisierung der Nachrichten. Das bedeutet, dass man zuerst Meldungen und Berichte angezeigt bekommt, für die man sich stärker interessiert. Diese Funktion ist vor allem aus sozialen Netzwerken wie Facebook bekannt: Im Newsfeed bekommen wir Beiträge von Freunden und Seiten in einer auf unsere Interessen abgestimmten Reihenfolge angezeigt. Beiträge, denen wir vermutlich ohnehin keine Aufmerksam schenken würden, tauchen gar nicht erst auf. Dafür sorgt bei Facebook ein Algorithmus, der auf Basis unserer Nutzung und unseres Interaktionsverhaltens Rückschlüsse auf unsere Interessen zieht. Doch auch Entwickler zahlreicher Nachrichten-Apps haben das Potential personalisierter Nachrichten erkannt. Flipboard beispielsweise erstellt auf Basis der Interessen des Nutzers ein individuelles Magazin. Und auch etablierte Medien wie die Tagesschau bieten in ihren Apps die Funktion an, die Reihenfolge der Nachrichtenmeldungen an die Vorlieben des Nutzers anzupassen.

Die personalisierten Nachrichtenangebote scheinen zunächst ein toller Service zu sein. Der Leser muss sich nicht erst durch verschiedenste Meldungen klicken, bis er auf die Themen stößt, die ihn interessieren. Doch es birgt auch ein entscheidendes Risiko: Andere Informationen, die außerhalb seines Interesses liegen, nimmt er kaum noch oder gar nicht mehr wahr.

Jeder bleibt in seiner eigenen Blase

Natürlich gab es auch schon vor solchen digitalen Angeboten die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Art von Informationen man erhält. So sind einige Tageszeitungen eher konservativ, andere eher links geprägt. Manche behandeln mehr Wirtschaftsthemen, andere mehr politische. Hatte man sich für eine Zeitung entschieden, konnte man immer noch einzelne Meldungen oder sogar ganze Ressorts überspringen, wenn man diese uninteressant fand.

Doch die personalisierten Angebote digitaler Informationsdienstleister und die noch stärkere Personalisierung in sozialen Netzwerken bewegen sich in einem ganz anderen Maßstab. Je stärker der Nutzer sich für einzelne Themen und bestimmte Meinungen interessiert, desto mehr Inhalte werden ihm aus diesem Bereich geboten – und desto weniger Platz bleibt für andere Meinungen und andere Themen. Die Gefahr, die sich daraus ergibt, ist die, dass die Weltwahrnehmung sich verändert und extreme Ansichten gefördert werden. Wer beispielsweise immer nur noch positive Berichte über den türkischen Präsidenten Erdogan liest, während kritische Berichte der Person aufgrund ihrer Präferenz gar nicht erst angezeigt werden, kann die Person letztlich nur zu dem Schluss kommen, dass Erdogan tatsächlich ein guter Präsident sei. So bleibt jeder in seiner eigenen Meinungswelt, in seiner ganz persönlichen Blase, aus der man nur durch aktives Handeln wieder herauskommt.

Tatsächlich gibt es eine psychologische Theorie, die (vereinfacht dargestellt) besagt, dass Informationen, die einen in der eigenen Wahrnehmung und der eigenen Meinung unterstützen, bevorzugt werden. Umgekehrt steht man Äußerungen, die sich mit dem eigenen Standpunkt nicht vereinbaren lassen, kritischer gegenüber. Die Selective Exposure Theorie baut dabei auf der Dissonanztheorie auf. Demnach wird angenommen, dass Menschen systematisch Informationen suchen und bevorzugen, die eigene Haltungen und Einstellungen unterstützen. Die Technologien der Personalisierung unterstützen demnach die ohnehin schon selektive Nachrichtennutzung des Menschen.

In der kognitiven Dissonanztheorie geht man außerdem davon aus, dass man Aussagen, die nicht die eigene Haltung unterstützen, stärker hinterfragt. Man versucht sie zu entwerten oder zweifelt an ihrem Wahrheitsgehalt. Die Theorie liefert damit auch einen Ansatz zur Erklärung, warum die Richtigkeit von Meldungen klassischer Medien heutzutage stark hinterfragt wird. Befindet man sich bereits in seiner eigenen Blase mit einer festen Schutzschicht zur Realität, fällt es schwer gegensätzliche Meldungen zu akzeptieren. So lassen sich die Nachrichten nur mit der eigenen Haltung vereinbaren, wenn man sie als gezielte Falschinformation einordnet. Immerhin sind nach einer Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos 30 Prozent der Deutschen der Überzeugung, häufig oder regelmäßig auf Nachrichtenberichte zu stoßen, in denen bewusst Falschmeldungen verbreitet werden. In den USA beträgt dieser Wert sogar 61 Prozent.

Dieser Trend ist meiner Meinung nach gefährlich. Natürlich ist es gut, wenn man sich kritisch mit Quellen auseinandersetzt und nicht jede Information, die einem geboten wird, sofort für bare Münze nimmt. Doch Entwicklungen wie das Wachstum der AfD, Kundgebungen von Pegida oder die religiöse Radikalisierung werden durch das selektive Informationsverhalten und die allgemeine Skepsis gegenüber der Arbeit von Journalisten klassischer Medien nur weiter begünstigt. Und Menschen mit solchen Ansichten wieder aus ihrer Blase herauszuholen, stellt unsere Gesellschaft vor eine große Herausforderung. Nur eines lässt sich wohl mit Sicherheit sagen: Wegsehen und Nichtstun ist sicherlich keine zielführende Methode, die Menschen solch extremer Ansichten dazu bringt, ihre eigene Position zu hinterfragen.

Ein Kommentar

  • Sascha Tebben

    Wirklich hervorragend geschrieben, liebe Kira. Ich sehe das ähnlich wie Du, die eigene Social News Blase wird immer größer und man muss aktiv auch weitere Quellen, wie z.B. Podcasts, Podiumsdiskussionen/Veranstaltungen und den Austausch mit anderen, auch mit anderen Ansichten und Meinungen suchen, um wieder ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Das geht auch nicht alleine vom Wohnzimmer oder vom Schreibtisch aus, dazu muss man raus gehen. Alles in allem lernen wir gerade täglich immer wieder den Umgang mit den Medien. An meinen Jungen Töchtern erkenne ich auch wieder andere Trends, hin zur Spracheingabe und Nutzung von assistenzsystemen, wie z.B. Alexa von amazon. Das benötigt wiederum eine andere Herangehensweise an das Thema Informationsbeschaffubg und so liegt es auch an uns Eltern den Kindern den differenzierten Umgang mit „neuen Medien“ beizubringen und dennoch Ihre ganz eigenen Erfahrungen machen zu lassen.

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