Gesicht eines Schweins im Maststall
Ernährung & Umwelt,  Gesellschaft

Karnismus: Wie eine Ideologie den Fleischkonsum stützt

Viele von uns haben Haustiere: Hunde, Katzen, Kaninchen, vielleicht auch Wellensittiche oder ein Pferd. Und wir lieben sie wie Familienangehörige. Wir kennen ihre Persönlichkeit, wissen, wenn es ihnen nicht gut geht und teilen manchmal sogar unser Bett mit ihnen.

Und dann setzen sich viele von uns an den Esstisch und essen Hühner, Schweine, Puten oder Rind und Forelle, Lachs oder Garnelen. Auch ich habe den größten Teil meines bisherigen Lebens mit diesem Widerspruch gelebt, bin ich doch mit Haustieren groß geworden und habe erst Weihnachten 2017 begonnen, mich vegetarisch und später dann vegan zu ernähren. Umso brennender haben mich die Antworten auf die Fragen interessiert: Warum gibt es die Unterscheidung zwischen essbaren und nicht-essbaren Tieren? Und woran machen wir sie fest?

Wer diesen Fragen folgt, wird schnell auf Dr. Melanie Joy aufmerksam, eine US-amerikanische Psychologin, Soziologin und Aktivistin. Auf ihren Erkenntnissen basiert dieser Beitrag.

Bilder im Kopf

Wenn wir an einen Hund denken, dann haben wir sofort Bilder im Kopf: vielleicht von einem spielenden Golden Retriever, der einem Ball nachjagt, oder vom Welpen, der sich in unsere Arme kuschelt. Wir sind emotional berührt, wenn ein Hund seinen Kopf in unseren Schoß legt und wenn wir all die Tierfotos und -videos in sozialen Netzwerken sehen. Würden wir ein Gericht mit Fleisch vom Labrador oder Dackel vorgesetzt bekommen, würden die meisten Menschen – zumindest in unserer Kultur – das Gericht nicht essen.

Doch haben wir dasselbe Gericht vor uns und wir hielten das Fleisch für ein Stück vom Schwein, dann bleibt diese emotionale Ablehnung aus. Wir sehen nicht das Bild vom Schwein, das die Sonne genießt, sich in der Erde suhlt und unsere Krauleinheiten genießt. Wir denken nicht daran, dass Schweine sehr intelligente Tiere sind, die natürlich auch Freude und Leid empfinden.

Was ist nun also Karnismus?

Karnismus ist der Name, den Melanie Joy auf Basis ihrer wissenschaftlichen Arbeit der unsichtbaren Ideologie gegeben hat, die uns darauf konditioniert, bestimmte Tiere zu essen (und andere nicht). Es ist aus dem Grund eine Ideologie, weil wir eine Wahl haben: Fleisch zu essen oder nicht, vom Schwein oder vom Hund. Und solange wir diese Wahl haben, folgen wir Überzeugungen. Es sind somit nicht nur Veganer*innen und Vegetarier*innen, die bestimmten Leitbildern folgen, wenn sie auf tierische Produkte verzichten, sondern auch diejenigen, die Fleisch essen, wenn sie sich FÜR den Konsum tierischer Produkte entscheiden. Es ist eine Wahl, auch wenn viele sie nicht bewusst treffen.

Diese Ideologie ist voller Widersprüche, denn sie steht im klaren Kontrast zu zentralen gesellschaftlichen Werten wie einem wertschätzenden Umgang miteinander und Empathie. Zugleich ist es voller Gewalt, schließlich ist es unmöglich, gewaltfrei zu töten. Warum kann sich Karnismus dennoch halten?

1. Unsichtbarkeit

In den USA werden jährlich zehn Milliarden Tiere in der Agrarindustrie geschlachtet, in Deutschland starben im Jahr 2019 763 Millionen Tiere in den Schlachthöfen. Fische sind in beiden Statistiken noch nicht enthalten. Das sind unfassbar viele Tiere – in Deutschland pro Mensch mehr als neun für jedes Jahr. Und doch sind sie, die Tiere, die Individuen, für die meisten Menschen unsichtbar. Wie geht das?

Zunächst verschließen sich Einblicke durch die Standortwahl und die Bebauung: Tiere werden in fensterlosen Gebäuden gezüchtet, um in fensterlosen Ställen gemästet und dann auf Transportern in fensterlose Schlachthäuser gebracht zu werden, wo sie am Fließband getötet und verarbeitet werden. Zucht, Ställe und Schlachtbetriebe liegen meist außerhalb der Städte und sind dadurch noch leichter aus dem Blick zu verlieren.

Und selbst wenn wir wissend etwa an einem Schlachtbetrieb vorbeigehen, können wir nur vor die Mauern sehen. Der größte Teil der Menschen in den Industrienationen wird nie mit dem Innern eines Schlachthauses konfrontiert werden. Auf diese Weise wird es sehr viel leichter, nicht darüber nachzudenken, was dort eigentlich vorgeht: das Schlachten am Fließband, durchgeführt von Mitarbeitenden, die stundenlang eine einzelne Tätigkeit ausführen, etwa das Öffnen des Schweinebauchs, damit der oder die Nächste dann die Gedärme entfernen kann. Die meisten von uns wissen nicht, wie es riecht, wenn sich in der warmen Luft der Geruch nach Tod und Innereien verbreitet, und wie es aussieht mit all dem Blut und den über Kopf baumelnden Tieren (hier geht’s zum Beitrag über meinen Besuch im Schlachtbetrieb).

Uns wird es durch diese Unsichtbarkeit leicht gemacht, das Stück Fleisch auf dem Teller nicht mit dem lebenden Tier und dem Prozess, wie es dann zu Fleisch wurde, in Verbindung zu bringen. Es ist also nicht nur die Ideologie selbst, sondern auch der gesamte „Herstellungs“prozess von Fleisch, der weitestgehend unsichtbar ist.

2. Rechtfertigung

„Das ist halt so“. Das ist die wesentliche Kernbotschaft, wenn man hinterfragt, warum der Großteil der Menschen Fleisch isst. Mir reicht diese Antwort nicht und bei Dr. Melanie Joys Why we love Dogs, eat Pigs and wear Cows fand ich Antworten.

Autoritätspersonen leben es vor

Die meisten Menschen bekommen von klein auf Fleisch auf dem Teller serviert: von ihren Eltern bzw. Erziehungsberechtigten. Auch Lehrkräfte und medizinisches Personal leben diese Norm vor. Diese Personengruppen genießen eine besondere Autorität, also wird es schon richtig sein, wenn sie alle Fleisch essen und es als selbstverständlich annehmen, dass auch andere Fleisch essen, ja, sogar empfehlen, Fleisch zu essen.

Es gibt darüber hinaus sich hartnäckig haltende Mythen, die drei „Ns“: Fleisch zu essen sei normal, natürlich und notwendig. Sie gilt es zu hinterfragen. Schon viel zu oft wurden gewaltsame Ideologien auf Basis dieser drei Ns gestützt.

Fleisch essen ist normal

Nicht nur Autoritätspersonen, sondern die Mehrheit isst Fleisch. Fleisch zu essen ist normal, weil (fast) alle Fleisch essen. So entsteht der Eindruck, es gäbe keinen anderen Weg. Eine Selbstverständlichkeit zu hinterfragen ist viel schwieriger, als etwas, was im Allgemeinen nicht als selbstverständlich erachtet wird. Wir sehen nicht, dass wir eine Wahl haben.

Und selbst wenn wir erkennen, dass eine vegetarische oder vegane Ernährung möglich ist, ist es immer noch leichter, zur fleischessenden Mehrheit zu gehören. Man muss sich als vegan lebende Person erklären, weil man nicht der Norm entspricht, muss andere bitten, Rücksicht zu nehmen, etwa bei einem gemeinsamen Kochabend oder der Restaurant-Wahl. Zur Mehrheit zu gehören ist viel einfacher mit Blick auf das soziale Umfeld.

Fleisch essen ist natürlich

Hier ist die zentrale Aussage: Wir haben Fleisch schon immer gegessen.

Ja, es ist anzunehmen, dass der Mensch seit etwa zwei Millionen Jahren Fleisch isst – und, nur mal am Rande, überwiegend pflanzliche Nahrung zu sich nimmt. Das macht jedoch noch kein Argument.

Es gibt eine ganze Reihe von gewaltsamen Praxen neben der des Fleischessens, die schon genauso lange existieren: etwa Mord, Raub und Vergewaltigung. Und doch würden wir nie auf die Idee kommen, diese Taten als „natürlich“ zu bezeichnen, nur weil es sie schon immer gegeben hat. Sie sind nämlich nicht zu rechtfertigen. Der Unterschied zum Fleischessen ist dieser: Wir haben das Fleischessen natürlich gemacht, indem wir als überlegende Spezies die Gewalt auf andere Spezies anwenden. Wir haben entschieden, dass es natürlich sei.

Damit handelt es sich bei der Natürlichkeit um einen Mythos, ein Narrativ und um eine Überlegenheit, aber sicher nicht um ein Argument.

Fleisch essen ist notwendig

Wir brauchen Fleisch, um alle Nährstoffe aufnehmen und ein gesundes Leben führen zu können. Dieser (falsche!) Glaube hält sich ebenfalls. Dabei ist es nicht nur so, dass der Mensch durch eine ausgewogene vegane (oder vegetarische) Ernährung seinen Nährstoffbedarf problemlos in jeder Lebensphase decken kann, sondern das Risiko für eine ganze Reihe von Erkrankungen, vor allem der sog. Zivilerkrankungen, sogar senken kann. Das Potenzial für ein geringeres Risiko im Vergleich zur omnivoren (d.h. mischköstlichen) Ernährung gilt unter anderem für Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, (starkes) Übergewicht und Arteriosklerose. Einige dieser Erkrankungen erhöhen wiederum das Risiko für schwerwiegende Folgen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Außerdem gibt es mittlerweile viele Sportler*innen, die zeigen: Eine vegane Ernährung und Spitzenleistungen harmonieren sehr gut miteinander. Einige Personen des Hochleistungssports kommen in dem Film The Game Changers zu Wort – sie zeigen, dass ihre Leistungsfähigkeit sogar von einer veganen Ernährung profitiert.

3. Verzerrung der Wahrnehmung

Unser Blick auf „Nutz“tiere ist verzerrt, da wir sie durch die Brille des Karnismus‘ sehen. Diese Verzerrung lässt sich als Objektifizierung, Entdindividualisierung und Dichotomisierung – dem Cognitive Trio – beschreiben.

Objektifizierung

Tiere werden zu Dingen. Dafür sorgt zum Beispiel unser Sprachgebrauch. Wir bezeichnen „Nutz“-Tiere als „etwas“ nicht als „jemand“, wir sagen „es“ nicht „er“ oder „sie“. Wir bezeichnen die Mast als „Hähnchenmast“, nicht als Hühnermast. Und als ich einen Mastbetrieb für Hühner besuchte, sprach der Landwirt davon, dass 85 bis 90 Prozent der geschlüpften Küken „brauchbar“ seien. Er meinte damit, dass zehn bis 15 Prozent der geborenen Tiere krank oder tot sind.

So sehen wir also Objekte, Fleisch, anstelle von Subjekten.

Entindividualisierung

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass jedes einzelne Tier, das wir für unsere Zwecke töten, ein Individuum ist. Er oder sie hat eine Persönlichkeit, einen Charakter, soziale Beziehungen und den Wunsch, zu leben. Stattdessen sehen wir nur Gruppenmerkmale. Ein Schwein ist ein Schwein ist ein Schwein. Hier ist kein Platz für individuelle Merkmale.

Auch in der Verarbeitung wird die Entindividualisierung gefördert. Die Zerlegung des einzelnen Tiers in seine Bestandteile läuft industriell ab, sodass jede Arbeitskraft nur eine Aufgabe hat, nur einen Arbeitsschritt ausführt, und nicht ein ganzes Tier von Anfang bis Ende allein zerlegt. So gab es in dem von mir besuchten Schlachtbetrieb eine Person, die im Sekundentakt ausschließlich die abgetrennten Spitzbeine der Schweine in zwei große Container sortiert hat. Links, links, rechts, links, rechts. Da bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Und das macht es leichter, die Tiere nicht als Individuen wahrzunehmen.

Getötete Fische werden übrigens nicht einmal als Individuen erfasst, sondern nur als Masse in Tonnen.

Dichotomisierung

Bei der Dichotomisierung wird eine Gesamtheit in zwei Teilgruppen unterteilt, wobei nur ein Merkmal betrachtet wird und nur zwei Ausprägungen möglich sind.

Im Falle der Tiere gibt es eine Unterteilung in essbar und nicht-essbar. Ein süßes, zotteliges Pony? Definitiv nicht essbar! Ein Huhn aus der Mast? Essbar, dafür ist es doch da.

Diese Unterscheidung geht mit weiteren Dichotomisierungen einher. So nennt Dr. Joy beispielsweise die Einschätzung der Intelligenz (nicht die tatsächliche Intelligenz!) eines Tiers: Wir halten Hühner nicht für sehr clever, also ist es okay, sie zu essen. Fleisch vom Elefanten zu essen, wäre da schon deutlich schwieriger.

Wir haben eine Wahl

Was hoffentlich deutlich geworden ist: Wir alle haben eine Wahl. Jede*r von uns kann die karnistische Sicht ablegen. Wir alle können uns bewusst machen, dass Fleisch zu essen durch eine dominante Ideologie gestützt wird. Wir können diese Ideologie hinterfragen. Wir können den Blick dorthin richten, wo die meisten wegschauen: Auf die Frage, warum wir einige Tiere essen und andere nicht, warum wir überhaupt Tiere essen. Auf die Bedingungen, unter denen wir Tiere zwingen zu leben. Auf die Bedingungen, unter denen die Tiere getötet werden. Auf die Mythen, die sich hartnäckig um den Fleischkonsum halten.

Diese Ideologie zu durchbrechen bedeutet, nie aufzuhören, nach dem Warum zu fragen.

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