Transparent mit der Aufschrift: Solidarität kennt keine Grenzen. Evacuate Moria
Gesellschaft,  Meine Sichtweise

Die Grenzen der Solidarität: Was es bedeutet, nicht zum „Wir“ dazuzugehören

Ausnahmezustand. Social Distancing. Was macht das mit uns? Es scheint, als würden wir zusammenrücken. Eine Welle der Solidarität flammt auf, ein Wir-Gefühl ergreift uns. Wir sind füreinander da, indem wir zuhause bleiben, Abstand halten und so die Verbreitung des Corona-Virus verlangsamen und insbesondere Alte, Kranke und Schwache schützen. Viele halten sich an die Einschränkungen, was ein toller Erfolg ist und sich in der Verlangsamung der Ausbreitung niederschlägt. Doch nicht nur das, es gibt etliche Hilfsaktionen: Menschen helfen ihren Nachbar*innen beim Einkauf, an Gabenzäunen stellen Freiwillige Lebensmittel, Kleidung und andere Hilfsgüter für Bedürftige bereit, in den sozialen Netzwerken, aber auch auf Transparenten, die aus Fenstern gehangen werden, liest man die Aufforderung, zuhause zu bleiben, und Freiwillige nähen Mundschutze.

All das ist großartig! Ich freue mich über die Welle der Solidarität, über das Verantwortungsgefühl, das zeigt: Wir denken nicht nur an uns selbst.

Wo die Solidarität endet

Trotz all dessen, zeigen sich klar und unmissverständlich die Grenzen. Und das auch im wörtlichen Sinne. „Wir“, die es zu schützen gilt, wird klar von einem „ihr“ abgegrenzt, denen kein Schutz gewährt wird. Und so machte mich Merkels Ansprache an die Nation vor einigen Wochen vor allem eines: wütend. Sie appellierte an alle:

„Denn seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames, solidarisches Handeln ankommt.“

Angela Merkel

Und sie stellt klar:

„Wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt.“

Angela Merkel

Das sind schöne Worte und ich wünschte, sie wären wahr.

Fußabdrücke und der Schriftzug #Savethem mit Sprühfarbe auf dem Gehweg
Die Seebrücke hinterlässt Spuren, die symbolisch für Schutzsuchende stehen, die jetzt hier sein könnten. Denn während es bereits zahlreiche „Sichere Häfen“ wie Bielefeld gibt, die aufnahmebereit sind, müssen Geflüchtete weiter in den Lagern ausharren. (Foto: Kira Jacobs)

Denn während wir uns – uns privilegierte Europäer*innen oder eigentlich eher uns Deutsche, denn der europäische Gedanke gerät ja aktuell eher in den Hintergrund – schützen, indem wir zuhause bleiben und unsere Hände waschen, gibt es allein auf den griechischen Inseln aktuell etwa 40.000 Menschen, die in Lagern leben. Es gibt Obdachlose überall auf der Welt, es gibt Staaten mit desaströsen Gesundheitssystemen, Slums, in denen Menschen beengt unter katastrophalen hygienischen Bedingungen leben, oft ohne gesicherten Zugang zu Wasser. Gerade dort bahnt sich neben der Corona-Krise eine zweite Katastrophe an: Viele Menschen sind abhängig von täglichen Einkommen und der Lockdown bedeutet, dass sich die Menschen lebensnotwendige Güter wie Nahrung, Seife und Wasser nicht mehr leisten können. Gleichzeitig steigen in Krisenzeiten die Preise.

Diesen Menschen stellt sich die Frage: Abstand halten, sich die Hände waschen, zuhause bleiben – wie soll das unter solchen Umständen gehen?

Doch wir denken an uns. Die aktuelle Solidarität gilt nicht diesen Menschen. Sie zählen zu einem „ihr“, das nicht Teil unserer Gemeinschaft sein soll.

#LeaveNoOneBehind

Die EU hat eigentlich ein relativ klares Selbstverständnis: Achtung von Menschenwürde, von Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Wie passt das mit der Situation in europäischen Flüchtlingslagern zusammen? Diese Frage stellt auch die Gastgeberin des „Sein und Streit“ Podcasts von Deutschlandfunk Kultur, Simone Miller:

„Wie dann also erklären, dass diese Grundwerte [der EU] für bestimmte Menschen offenbar nicht gelten und das auf eigenem Boden?“

Simone Miller

Die Antwort ist wenig zufriedenstellend: Es gab noch nie den Anspruch, dass diese Werte für alle Menschen gelten.

Lager, egal wo sie auch stehen, bieten keinen Schutz vor dem Corona-Virus. Die häufig ohnehin schon unzumutbaren Zustände wie Beengung, Hoffnungslosigkeit, unzureichende Hygiene und Gewalt werden nun von einer weiteren Gefahr ergänzt: Was ist, wenn auch nur eine Person in einem Lager das Corona-Virus in sich trägt? Die Ausbreitung wäre unvermeidbar. In einigen Lagern wurden bereits Coronafälle bestätigt, etwa in zwei Lagern in der Nähe von Athen. Die Ausbreitung beginnt und Europa schaut nicht einmal zu, da es zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

Daher gibt es zahlreiche Forderungen nach der Evakuierung der Lager. In sozialen Netzwerken werden diese Forderungen unter dem Hashtag #LeaveNoOneBehind kundgetan. Neben Organisationen für Menschenrechte und Seenotrettung stellte das auch Migrationsforscher Gerald Knaus im Interview mit der Tagesschau klar: Alle Geflüchteten sollten seiner Meinung nach auf das griechische Festland verlegt werden. Menschen, die in Griechenland sind und bereits als Flüchtling anerkannt wurden, sollten auf die EU-Staaten verteilt werden, um dort Platz zu schaffen für die Menschen von den Inseln.

Auch die Seebrücke fordert die Evakuierung aller Menschen aus den überfüllten Lagern und – was leider keine Selbstverständlichkeit ist – den Stopp der Unterstützung von staatlicher Gewalt an den EU-Außengrenzen und die Wiedereinhaltung der Menschenrechte.

Leider warten diese Forderungen vergeblich auf eine Umsetzung.

Plakat: Leave No One Behind - Schafft sichere Häfen!
In ganz Bielefeld findet man Plakate, Transparente und Spuren mit der Forderung: Leave No One Behind! (Foto: Kira Jacobs)

Das Camp Moria

Das Camp Moria erreicht eine traurige Berühmtheit. Es befindet sich auf der griechischen Insel Lesbos und war ursprünglich für 3.000 Personen errichtet worden. Heute sind rund 20.000 Menschen dort untergebracht. Auf einen Wasserhahn kommen 1.300 Menschen, eine Dusche und eine Toilette teilen sich 250 Menschen. In Containern, selbstgebauten Hütten und Sommerzelten leben immer mehrere Personen, in den Containern sogar bis zu 15 – Abstand halten? Unmöglich.

Und im Fall der Fälle gibt es auf Lesbos insgesamt gerade einmal sechs Intensivbetten.

Warum geht Deutschland das etwas an?

Die Abgrenzung zwischen einem „wir“ und dem „ihr“ ist vollkommen willkürlich, wie auch Sozialphilosoph Robin Celikates im Sein und Streit Podcast klarstellt:

„Es gibt politische, ökonomische, historische Verbindungen mit genau dem Elend, das die Leute aus ihren Ländern wegtreibt.“

Robin Celikates

Flucht ist keine andere Form von Urlaub.

Nicht nur die Fluchtursachen stehen in Verbindung mit uns, auch für die bloße Existenz der Lager sind wir Europäer*innen verantwortlich. Denn dass an den EU-Außengrenzen tausende Menschen in diesen ausharren müssen, ist eine Folge der Abschottungspolitik, die die EU und ihre Mitgliedsstaaten gegen Geflüchtete fahren.

Und so frage ich mich: Wo bleibt hier unsere Solidarität, unsere Menschlichkeit?

Deutschland nimmt Kinder auf

Einige werden auch folgende Meldung mitbekommen haben: Es wurden einige unbegleitete oder kranke Kinder aus den Lagern auf mehreren griechischen Inseln ausgeflogen. Das ist das Ergebnis von Verhandlungen, die noch aus der Zeit vor der Corona-Krise stammen und somit nicht als Hilfe in Corona-Zeiten misszuverstehen sind. Nachdem Luxemburg mit der Umsetzung begann und zwölf Kinder aufnahm, folgte auch Deutschland. Insgesamt geht es um 1.600 Kinder und Jugendliche, die auf acht EU-Staaten verteilt werden sollen. Deutschland nahm nun 47 von ihnen auf. Dass wir zur „Koalition der Willigen“ gehören, begrüße ich zwar. Nichtsdestotrotz ist das nun wirklich eher eine symbolische Handlung, als dass es die Situation ernsthaft verbessert.

2 Kommentare

  • Anonymous

    Ich bin durch Zufall auf den aktuellsten Artikel gestoßen, den Sie verfasst haben. Die Botschaft dahinter ist klar, jedoch fern ab der Realität. Wenn man ehrlich ist, werden solche Krankheitswellen wie aktuell Corona die Weltbevölkerung immer wieder treffen. Und auch immer härter. Unser Planet ist nicht für noch mehr Milliarden Menschen ausgelegt! Die Ressourcen reichen irgendwann nicht mehr für alle. Der Planet wehrt sich irgendwann gegen die drastische Überbevölkerung. Und zwar mit Seuchen, Klimakatastrophen und Co.
    Das ist unvermeidbar und wird mit steigender Weltbevölkerungszahl immer häufiger passieren. Man kann nicht jeden retten, auch wenn der Gedanke dahinter sehr löblich ist.

    • Kira Jacobs

      Vielen Dank für Ihren Kommentar, auf den ich gerne antworten möchte:

      Zunächst möchte ich auf den Aspekt der Pandemie eingehen: Sie haben recht, dass solche Pandemien wahrscheinlich wieder auftreten werden, wenn wir so weiterleben wie bisher. Das ist aber keinesfalls Abwehrreaktion des Planeten, sondern eine Konsequenz aus unserem (in dem Falle meine ich die Menschheit) Handeln, darunter die massive Abholzung von Wäldern und die intensive Tierhaltung. Wenn Sie sich hierfür interessieren, empfehle ich Ihnen beispielsweise diesen Beitrag: https://www.theguardian.com/world/2020/apr/27/halt-destruction-nature-worse-pandemics-top-scientists?CMP=Share_iOSApp_Other

      Nun geht es mir um Ihre Aussage, wir könnten nicht alle retten: Zunächst einmal möchte ich Sie bitten, zu reflektieren: Würden Sie das auch denken, wenn Sie etwa in einem Flüchtlingslager leben würden und Sie zu denjenigen gehörten, denen Sie gerade absprechen, dass man sie retten sollte?

      Und nun zum inhaltlichen: Fluchtursachen hängen mit den komplexen globalen Strukturen zusammen, in denen wir leben. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Leid, das zur Flucht treibt, und dem globalen Norden, zu dem wir gehören. Mit dem Wort „retten“ implizieren Sie eine gewisse Unabhängigkeit, die nicht gegeben ist. Wie ich in meinem Beitrag auch kurz angerissen habe: Uns (und jetzt meine ich uns priviligierten Menschen des globalen Nordens) trifft eine Verantwortung und dieser können wir gerecht werden. Was mich gleich zu meinem nächsten Punkt bringt: Doch, wir könnten sehr viel mehr Menschen retten. Es müsste sich selbstverständlich so manches ändern. Aber wie auch unser Entwicklungsminister Müller immer wieder feststellt: „Hunger ist Mord“. Denn wir haben die Mittel, ihn zu beenden. Und auch in der Frage der Evakuierung der Lager haben wir die Mittel und Möglichkeiten, wir setzen sie lediglich nicht um.

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