Drei junge Rinder auf einem Milchviehbetrieb
Ernährung & Umwelt,  Gesellschaft

Einschränkung von Lebendtierexporten – Ein Zeichen für mehr Tierschutz

Schon im September habe ich das erste Mal eine Dokumentation mit dem Titel „Geheimsache Tiertransporte – wenn Gesetze nicht schützen“ über den Export lebender Tiere – insbesondere von Rindern – in EU-Drittstaaten angesehen. Der Film ist von Manfred Karremann, der sich als Journalist und Autor unter anderem mit Tierschutz beschäftigt. In „Geheimsache Tiertransporte“ geht es um krasse Missstände und Missachtung von Tierschutzgesetzen beim Export von Nutztieren ins EU-Ausland.

Warum ist so viel Zeit vergangen, bis ich mich nun diesem Thema widme? Zunächst habe ich lange überlegt, ob ich es überhaupt in meinem Blog aufnehmen möchte, bin ich doch selbst kein Verfechter einer emotionalisierten Debatte und kein Freund von Schock-Aufnahmen und Einbrüchen in landwirtschaftliche Betriebe. Trotzdem hat mich die Dokumentation sehr getroffen und mich zum Nachdenken gebracht. Und ich hoffe, dass sie auch bei anderen zu einem Denkanstoß führen kann. Der zweite Grund, warum ich so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich nun über die Dokumentation schreibe, ist der, dass sie in mir eine starke Reaktion ausgelöst hat – Wut, Trauer und Fassungslosigkeit. Ich wollte diese Emotionen erst verarbeiten und „Abstand gewinnen“, ehe ich mir den Film erneut angesehen habe – begleitet von meinem Notizblock – und weitere Hintergründe recherchiert habe. Dieses Mal war ich also besser auf die Emotionalität vorbereitet.

Hintergrund der Dokumentation

Der Europäische Gerichtshof entschied im Jahr 2015, dass bestimmte EU-Vorschriften, die den Transport lebender Tiere betreffen, auch dann gelten, wenn sich der Zielort des Transports außerhalb der EU befindet. Das betrifft insbesondere die Versorgung der Tiere mit Wasser und Futter sowie Beförderungs- und Ruhezeiten. Zuvor hatte eine Amtsveterinärin einen Transport von Tieren aus Kempten im Oberallgäu nach Usbekistan nicht genehmigt, auf dem die EU-Vorschriften nur genau bis zur EU-Außengrenze eingehalten werden sollten. Jeder solcher Transporte bedarf einer Zulassung durch das zuständige Veterinäramt. Dabei geht es darum, ob die Tiere in einer Verfassung sind, in der sie den Transport durchstehen können. Außerdem prüft der Tierarzt den Transportplan, der die Einhaltung von beispielsweise Ruhezeiten für die Tiere nachweisen muss.

Aus tierschutzrechtlicher Perspektive ist die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs also sehr positiv, schließlich haben wir innerhalb der EU im internationalen Vergleich gute Tierschutzrichtlinien. Problematisch hingegen ist ihre Umsetzung: Wie soll sichergestellt werden, dass die Tiere tatsächlich ausreichend versorgt werden, dass Pausen eingehalten und die Tiere zwischenzeitlich entladen werden?

Angesichts der krassen Verstöße gegen Tierschutzgesetze, die die Dokumentation zeigt, konnte diese Frage ganz offensichtlich noch nicht umfassend geklärt werden.

Welche Missstände zeigt der Film auf?

Ich möchte nur in aller Kürze einige der Szenen schildern, die die Dokumentation zeigt, da ich – wie zu Beginn bereits erwähnt – kein Freund von Schockbildern bin.

Der Export in die Türkei ist in den Sommermonaten besonders kritisch. An der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei kommt es durch Kontrollen teils zu langen LKW-Staus. In extremen Fällen warten die Fahrer mehrere Tage, ohne in den Schatten ausweichen zu können, ohne die Tiere entladen zu können und ohne eine Möglichkeit der Versorgung. Zwar sind moderne Tiertransporter inzwischen mit Klimaeinrichtungen und einem Trinkwassersystem ausgestattet, beide versagen aber bei einem so langen Aufenthalt in der Sommerhitze. Das Trinkwassersystem hat schlicht nicht genug Wasserspeicher, sodass die Vorräte verbraucht sind, ehe die Grenze passiert werden kann, und die Klimaanlage kommt nicht gegen die Hitze an. Tierschutzaktivisten dokumentieren Jahr für Jahr zu hohe Temperaturen in den Transportern, so auch die Animal Welfare Foundation, dessen Mitglieder während der Dreharbeiten für „Geheimsache Tiertransporte – wenn Gesetze nicht schützen“ teilweise Temperaturen von 40 °C in den Transporträumen gemessen haben. Die Aufnahmen zeigen deutlich, wie die Tiere unter der Hitze leiden. In manchen Transportern liegen auch verendete Rinder. Diese Bedingungen sind auch für die Fahrer eine Belastung, die im Stau keine Möglichkeiten haben, den Tieren zu helfen.

Entwicklung der Exporte lebender Tiere ins EU-Ausland
Entwicklung der Lebendtierexporte ins EU Ausland. (Eigene Darstellung. Daten-Quellen: „Geheimsache Tiertransporte“ und Europäische Kommission)

Deutlich aktiver betriebene Tierquälerei zeigen Szenen im Libanon und in Ägypten, wo unter anderem Rindern die Augen ausgestochen, Tiere bei vollem Bewusstsein geschlachtet und manchen Rindern vor dem Schlachthaus Beinsehnen durchgeschnitten werden. Durch die schwere Verletzung unfähig zu laufen, werden die Tiere dennoch unter Schlägen ins Schlachthaus getrieben, wo sie ihr Ende finden. Außerdem beobachten Tierschützer seit Jahrzehnten eine grausame Praxis beim Entladen verletzter Tiere von Schiffen auf das Festland. Verletzte Rinder auf dem Schiff, die nicht mehr selbst laufen können, werden mit einem Bein an einem Kran befestigt und an diesem herausgehoben. Dabei bricht der Knochen durch die Last des Körpergewichts. Das Bein ist nicht dafür gebaut, das hängende Tier zu tragen. Da die Rinder jedoch ohnehin geschlachtet werden, wird die Verletzung wohl in Kauf genommen. Jedoch sei an dieser Stelle erwähnt, dass die meisten exportierten Rinder nicht direkt geschlachtet werden, sondern mit ihnen eigene Herden aufgebaut werden. Das bedeutet leider auch, dass trächtige Rinder dem enormen Stress eines tausende Kilometer langen Transports ausgesetzt werden. Stirbt die Kuh auf diesem, stirbt auch das ungeborene Kalb.

All diese brutalen Praktiken mögen in manchen Regionen Ausnahmen darstellen, in anderen sogar eher die Regel sein – das zu überprüfen, ist äußerst schwierig. Doch ganz gleich, wie häufig eine solche Tierquälerei tatsächlich begangen wird, ihre bloße Existenz macht mich fassungslos.

Die aktuelle Debatte

Derzeit stehen Exporte lebender Nutztiere in EU-Drittstaaten wieder medial mehr in der Öffentlichkeit, da sich erneut eine Amtsveterinärin im Landkreis Landshut gegen die Genehmigung eines Transports nach Usbekistan entschied. In dem Fall ging es um eine trächtige Kuh, dessen Schutz die Veterinärin nicht als gegeben ansah. Mehrere Veterinärämter stellten daraufhin keine Zulassungen für Transporte in bestimmte EU-Drittstaaten mehr aus und verwiesen etwa auf tierquälerische Schlachtungsmethoden, wie sie auch in der Dokumentation gezeigt werden.

Dass die Amtsveterinäre diese Zulassungen verweigerten, liegt zum großen Teil daran, dass sich die Tierärzte nach Einschätzung des bayrischen Umweltministeriums an der Tierquälerei, die während des Transports oder nach der Ankunft im Drittstaat begangen wird, mitschuldig machen könnten.

In Bayern wurde nun sogar eine zentrale Stelle eingerichtet, die einheitliche Empfehlungen für Veterinäre ausgesprochen werden. Dazu zählt, dass Tiertransporte in 17 Staaten verboten sind: Ägypten, Algerien, Armenien, Aserbaidschan, Irak, Iran, Kasachstan, Kirgistan, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien, Tadschikistan, Türkei, Tunesien, Turkmenistan und Usbekistan.

An diesem Vorgehen sollten sich weitere Bundesländer ein Beispiel nehmen. Der Schutz lebender Tiere muss wichtiger sein als wirtschaftliche Interessen, insbesondere in so krassen Fällen von Verstößen gegen unsere Tierschutzgesetze. Ich finde es mutig und stark, dass die Amtsveterinäre sich gegen das System aufgelehnt haben. Und auch hier zeigt sich wieder ein Grundsatz, an den ich selbst auch fest glaube: Jeder ist in der Lage, einen Unterschied zu machen (mehr dazu hier). Die gesamte Diskussion, die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs im Jahr 2015 und die Einrichtung der zentralen Anlaufstelle in Bayern wurden nur deshalb möglich, weil sich einzelne Menschen entschieden, dieses System nicht weiter zu unterstützen.

Trotz dieser Erfolge für mehr Tierschutz sollten wir jedoch auch darüber nachdenken, wie die Landwirte bei der Umstrukturierung unterstützt werden können. Sie mit dieser Aufgabe allein zu lassen, würde einige Landwirte vor schwer überwindbare Hürden stellen. Schließlich werden für sie wichtige Handelsländer gestrichen. Wohin also mit den Rindern und weiteren Tieren, wenn wir an unserem landwirtschaftlichen System – der Intensivtierhaltung mit extrem spezialisierten Arten und einer enormen Effizienzsteigerung – festhalten wollen? Und wenn wir diese Art der Landwirtschaft nicht mehr wollen, dann müssen wir als Gesellschaft eine bessere Art einfordern. Doch auch den Prozess bis zur Erreichung des Ziels müssen wir mittragen – etwa in Form von Subventionen, höheren Lebensmittelpreisen für tierische Produkte oder alternativen Modellen, wie der solidarischen Landwirtschaft. Spannende Lösungsansätze und Beispiele hierfür zeigt eine weitere Dokumentation: „Zeit für Utopien – wir machen es anders“.

Ein Kommentar

  • Neeltje

    Interessant, dass EU-Vorschriften für internationale Transporte auch gelten, wenn der Transport ins EU-Ausland geht. Ich werde mir die Dokumentation auf jeden Fall mal ansehen. Ich sehe mir im Allgemeinen eine gute Dokumentation nämlich viel lieber an, als einen Hollywood Blockbuster.

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