Pflanze auf Fensterbank
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Die Hürden der Ethik (und warum sie mich nicht entmutigen)

Ich konnte die Vorweihnachtszeit und die Feiertage dafür nutzen, meine Nase mal wieder in ein paar Bücher zu stecken. Dabei bin ich in einem sehr inspirierenden Buch von Hilal Sezgin auf einen interessanten Gedanken gestoßen, dem ich diesen Blog-Beitrag widmen möchte. In „Nichtstun ist keine Lösung“ zeigt sie, wieso es sich lohnt, für seine Werte aufzustehen und sich für diese einzusetzen. Einen Teil ihres Buches widmet sie der Psychologie des Moralischen und vor allem einem Thema, das sicherlich viele derjenigen beschäftigt, die sich Mühe geben, moralische Entscheidungen zu treffen: Dass man durch eben dieses Handeln – ob nun öffentlich auf Demonstrationen, durch ein ehrenamtliches Engagement oder im privaten Alltag durch beispielsweise eine vegetarische oder vegane Ernährung – auf viel Gegenwind stößt, von abstrusen Rechtfertigungen bis hin zu persönlichen Beleidigungen.

Was ich damit meine, möchte ich an einem eigenen Beispiel erläutern: Schon in meinem Beitrag über Fast Fashion und seiner Gegenbewegung Slow Fashion habe ich über meine eigene Reaktion geschrieben, als ich zum ersten Mal nach meinem Einkaufverhalten von Kleidung gefragt wurde. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir noch nie über die Verantwortung (und Macht!) als Konsument Gedanken gemacht und dementsprechend ganz herkömmliche Kleidung gekauft, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit unter schlimmsten Bedingungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen hergestellt wurde. Somit waren meine Äußerungen zu diesem Thema wenig rühmlich: Ich erklärte, fair produzierte Kleidung könne man sich ja gar nicht leisten, außerdem fehle die Auswahl. Und überhaupt, das mache doch auch keinen Unterschied, wenn ich jetzt andere Kleidung kaufe, aber alle anderen weitermachen wie bisher. Und diese Äußerungen tätigte ich, ohne mich auch nur einmal mit fairer Mode beschäftigt zu haben. Es gibt noch ein weiteres Gespräch, das nach dem gleichen Schema verlief, jedoch schon einige Zeit zurückliegt. Damals fuhr ich mit dem Auto an einem Lebendtiertransport vorbei und mein Beifahrer fragte mich, was ich darüber denken würde und was ich empfinde, wenn ich solche Transporter sehe. Meine Antwort war – und heute schäme ich mich wirklich für diese völlig unreflektierte Äußerung: „Das gehört eben dazu.“ Thema erledigt. Wirklich. Nun, dass solche Transporte ganz und gar nicht dazu gehören müssen und sie aus ethischer Sicht auch kaum zu befürworten sind, ist offensichtlich – aber das steht auf einem anderen Blatt.

Hilal Sezgin erläutert verschiedenste Beweggründe, die ein solches Verhalten, wie ich es selbst schon an den Tag gelegt habe, erklären.

Buch Hilal Sezgin "Nichtstun ist keine Lösung"
Ein Mutmacher für alle, die moralisch handeln (wollen). (Foto: Kira Jacobs)

Wettbewerb in moralischen Fragen

Der erste Aspekt ist ein Wettbewerb: Keiner möchte einem anderen moralisch unterlegen sein. Also rechtfertigt man sein eigenes Verhalten – selbst dann, wenn man insgeheim doch der Überzeugung ist, dass man sich aus moralischer Perspektive nicht richtig verhalten hat – und versucht so, auf dem moralischen Siegertreppchen zu landen. Dabei ist etwa die Frage „Was denkst du über Lebendtiertransporte?“ zumeist gar nicht als eine Abwertung des Gesprächspartners gemeint, sondern als eine Interessensbekundung und als Suche nach einem Austausch. Über Themen zu sprechen, die gegen unser moralisches Verständnis verstoßen, ist wichtig. Solche Fragen nicht gleich auf sich und sein eigenes Verhalten zu beziehen jedoch eine Herausforderung.

Trotzdem muss man nicht lange suchen, um auch einen ganz aktiv betriebenen Wettbewerb zu finden, der von Menschen befeuert wird, die sich moralisch überlegen fühlen. Ein Beispiel sind Veganer, die öffentlich – gerade in sozialen Netzwerken – gegen Vegetarier wettern, weil diese ja gar nicht richtig konsequent seien. Nun, dass Veganismus tatsächlich noch eine Spur konsequenter ist, als Vegetarismus, ist denke ich offenkundig. Trotzdem finde ich solche Angriffe sehr schade, da sie einen eher entmutigen, überhaupt mehr Verantwortung durch sein eigenes Handeln zu übernehmen – und sei es durch kleinere Schritte, etwa der Reduktion des Fleischkonsums. Anstatt ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken und die Gemeinsamkeiten zu betonen, um diese dann dafür zu nutzen, mehr Menschen für einen bewussten Lebensstil zu begeistern, nutzen die Beteiligten ihre Energie lieber dafür, sich gegenseitig zu beschuldigen.

Schuldgefühle

Ein wirklich nicht unwesentlicher Aspekt, der mein Verhalten zu großen Teilen mitbestimmt hat, sind Schuldgefühle – etwas zutiefst Unangenehmes. Wenn wir uns verantwortlich für das Leid anderer fühlen, dann ist es schwer, damit umzugehen. Dieses Gefühl kann natürlich erst dann aufkommen, wenn uns die Konsequenzen unseres Handelns bewusst werden. In meinem Fall wurde es in dem Gespräch über faire Mode besonders deutlich. Mir versetzte die Frage einen Stich. Ich lebte ein Leben auf Kosten anderer und ich hatte es bis dahin nicht einmal für nötig gehalten, darüber nachzudenken. Natürlich hatte auch ich von den Katastrophen in den Fabriken in Bangladesch, China, Pakistan und Co. gehört, diese aber ganz schnell auch wieder verdrängt. Bloß nicht zu nah an sich heran lassen. Trotz dieser Erkenntnis versuchte ich mein bisheriges Verhalten erst einmal mit Argumenten zu untermauern, anstatt zuzugeben: „Eigentlich ist es moralisch nicht richtig, wie ich mich verhalte“. Dass ich diese Antwort nicht gegeben habe, hat auch mit einem weiteren Aspekt zu tun:

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Jedem von uns ist es wichtig, was andere über uns denken. Wir freuen uns über Anerkennung, über Ansehen und positives Feedback zu unserer Person. Wenn nun unser Verhalten offenkundig im Widerspruch zur Meinung einer Person steht, gerade wenn uns an dieser etwas liegt, dann befürchten wir, abgelehnt zu werden. Die Ausprägung dieser Angst ist sicherlich in hohem Maß von der eigenen Selbstsicherheit abhängig.

Befürchten wir eine Ablehnung, wollen wir uns selbst so gut wie möglich dastehen lassen. Mitunter kann man diesem Aspekt Sätze wie „Wir essen ja nur sehr selten Fleisch und dann auch nur welches vom Schlachter“ zuordnen. Auf den ein oder anderen mag diese Aussage natürlich tatsächlich zutreffen, oftmals sind sie aber doch eher der Versuch einer Aufwertung gegenüber dem Gesprächspartner.

Eine weitere soziale Komponente in solchen Gesprächen kann auch das generelle soziale Umfeld einnehmen. Wenn alle Freunde, die Familie, der Partner ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen, das man vielleicht selbst aus moralischer Perspektive hinterfragt, dann äußern wir eher keine Kritik daran. Zum einen, weil es zu einer sozialen Abwertung durch und zu einem Konflikt mit seiner Gruppe kommen kann. Zum anderen, weil wir unsere Liebsten davor beschützen möchten, dass dieses moralisch verwerfliche Handeln zu einer Art Imageschaden führt.

Bedürfnis nach kognitiver Konsonanz

Über das Modell der kognitiven Konsonanz habe ich in einem früheren Beitrag schon einmal geschrieben. Dabei ging es um das Informationsverhalten und wie wir in unserer eigenen Blase leben, solange wir nicht aktiv versuchen, aus dieser herauszutreten.

Auch im Zusammenhang mit der Moralpsychologie ist dieses Phänomen interessant. Wir haben nämlich ein Bedürfnis danach, dass die Informationen, die wir erhalten, mit unserem bereits vorhandenen Bild und unserem eigenen Verhalten übereinstimmen. Werden wir mit Informationen konfrontiert, die im Widerspruch zu unserem Verhalten stehen, dann suchen wir Erklärungen, die unser eigenes Verhalten stützen und die widersprüchliche Information entkräften.

Typische Abwehrmechanismen

Benoît Monin, ein Forscher der Moralpsychologie, fasste typische Abwehrmechanismen, die dann auftreten, wenn Menschen sich moralisch im Unrecht fühlen, in drei Kategorien zusammen. Die erste Stufe stellt eine Zweifelsbekundung an den Motiven des vermeintlich moralisch Überlegenen dar. Das kann zum Beispiel so lauten: „Dir nützt das Netzwerk durch dein Ehrenamt ja beruflich auch sehr viel“. Die zweite Ebene ist dann eine Trivialisierung. Der äußernden Person werden Kompetenzmangel, Blauäugigkeit und Naivität unterstellt. „Als ob du dadurch die Welt retten könntest!“ Und in einer letzten Stufe der „do-gooder derogation“ kommt es sogar zur Abwertung, Diffamierung oder gar zur direkten Feindseligkeit gegen die Person.

Hilal Sezgin ergänzt in ihrem Buch als Strategie noch die Minimalisierung. Es gebe eben so viele Probleme, da könne man sich ja auch nicht um alles kümmern. Neulich habe ich bei Facebook unter der Meldung, dass viele Deutsche sich für das neue Jahr vorgenommen hätten, weniger Fleisch zu essen, den Kommentar gelesen, dass das Fleisch dann nun wohl billig exportiert werde – frei nach dem Motto, dann könne man ja sowieso nichts ändern, weder an den Umweltschäden durch unseren Fleischkonsum, noch an den globalen Handelsbeziehungen auf Kosten des Tierwohls. Da ist man wohl machtlos.

Und nun? Einfach den Kopf in den Sand stecken?

Nun, der Beitrag macht bis hierher wohl wenig Mut. Wer versucht, moralisch zu handeln, der wird solche Situationen kennen. Die erste Reaktion richtet sich eben oft gegen den Überbringer der Nachricht, selbst wenn dieser gar nichts für den Inhalt kann. Doch die ersten ablehnenden Impulse müssen nicht bedeuten, dass die Person bei dieser Haltung bleibt. Eine rationale Auseinandersetzung mit dem Thema setzt oftmals zeitversetzt ein – wir beginnen, über etwas nachzudenken. Bei einigen Personen folgen dann ganz konkrete Schritte – bei mir etwa die Entscheidung, bei dem Kauf von Kleidung mehr auf ökologische und soziale Aspekte zu achten.

„Der/die Ethiker*in braucht und darf also nie die Hoffnung aufgeben, dass das, was er oder sie sagte, auf fruchtbaren Boden fällt; nur trifft der Regen vielleicht etwas später die Erde als das Samenkorn.“ – Hilal Sezgin in „Nichtstun ist keine Lösung“

Es ist außerdem hilfreich, wenn der Gesprächspartner Fragen nicht als Angriff auf seine Person verstehen kann – mit einer Prise Selbstsicherheit ist ein offener Austausch viel besser möglich.

Lesetipp

Natürlich ist das Thema der Moralpsychologie nur ein sehr kleiner Ausschnitt des Buches „Nichtstun ist keine Lösung“. Wer nach einem inspirierenden Buch sucht, das reich ist an bildhafter Sprache, reich an Hoffnung und dem einen oder anderen Augenzwickern, der wird mit Hilal Sezgins Buch fündig. Und nicht zuletzt hält die Autorin eine wichtige Botschaft bereit: Haltung in moralischen Fragen zu zeigen lohnt sich – für unsere Gesellschaft und für uns selbst.

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