Ernährung & Umwelt

Ein Weg aus der Massentierhaltung? Forderungen von Tierrechtsorganisationen

Jeden Tag Fleisch essen – das ist dank günstigster Preise in reichen Industriestaaten wie Deutschland nicht nur möglich, sondern gelebter Alltag für viele Menschen. Rund 60 Kilogramm Fleisch isst ein Deutscher jährlich im Schnitt. Das sind 164 Gramm Fleisch an jedem Tag. Die hohe Nachfrage nach tierischen Produkten wird heutzutage vor allem durch die intensive Tierhaltung gedeckt. Eine Industrie, die billiges Fleisch hervorbringt auf Kosten von Klima und Tierwohl. Verfechter der intensiven Tierhaltung argumentieren mit der immer weiter wachsenden Bevölkerung, die nicht mit Tierprodukten, die nach Öko-Standards hergestellt werden, versorgt werden könne. Zudem sei diese Art der Tierhaltung extrem effizient. Doch gleichzeitig ist die Landwirtschaft einer der größten Treiber des Klimawandels. Tierarten werden derart überzüchtet, dass sie unter natürlichen Bedingungen wohl kaum noch eine Überlebenschance hätten. Dafür geben Kühe immer mehr Milch, während Mastrinder in kürzester Zeit Gewicht gewinnen, um so früh wie möglich geschlachtet werden zu können. Immer schneller, höher, weiter scheint die Devise – worunter die Tiere dieses Systems leiden.

Es gibt also gute Gründe (und das Tierwohl ist nur einer davon), die Berechtigung der Haltung von Tieren auf engstem Raum wie in der intensiven Landwirtschaft zu hinterfragen. Während Verbraucher in erster Linie durch ihr Konsumverhalten zeigen können, dass sie die intensive Landwirtschaft ablehnen, setzen Organisationen sich mit konkreten Forderungen für das Tierwohl ein. Hier ist ein Überblick, was sie im Einzelnen fordern:

Umbau der Tierhaltung – BUND

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) kritisiert hinsichtlich der Massentierhaltung den wachsenden Export von Tieren, Fleisch und tierischen Produkten. Während 1995 nach Zahlen des Umweltbundesamts nur 14 Prozent der Schlachtmenge exportiert wurde, waren es 2005 bereits 34 Prozent und 2015 fast die Hälfte aller geschlachteten Tiere (48 Prozent).

Langfristig setzt sich der BUND dafür ein, die Tierhaltung umzubauen und die Massentierhaltung abzuschaffen. Mehr Öko-Tierhaltung und kleinere Betriebe mit weniger Tieren fordert er. Gleichzeitig müssten Tiere mit Grünfutter ernährt werden, um den massiven Anbau von Futtermitteln zu reduzieren – ein Produkt, das Deutschland im besonderen Maß importiert. Infolgedessen werden der Landbedarf zum Anbau, Nachteile für Klima und freilebende Tiere durch den Umbruch von Landflächen zu Ackerland ins Ausland verlagert.

Zur Erreichung solcher Ziele arbeitet der BUND etwa mit dem Verein Neuland zusammen, der mit seinem Markenzeichen Produkte aus einer tiergerechteren und umweltschonenderen Haltung kennzeichnet. Außerdem fordert er als erste Maßnahme eine verbindliche staatliche Haltungskennzeichnung auf den Produkten, um den Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, sich bewusst gegen Fleisch, Milch und Eier aus Massentierhaltung zu entscheiden. Zusätzlich sollte es laut der Organisation grundsätzlich verboten werden, Reserve-Antibiotika einzusetzen. Ein drittes Ziel, das der BUND jetzt erreichen möchte, ist das Töten von männlichen Küken, die für die Eier-Produktion keinen Wert haben. Technisch besteht die Möglichkeit, das Geschlecht des Kükens bereits im Ei festzustellen. Mit dieser Methode ließe sich das Schreddern oder Vergasen geschlüpfter Küken verhindern.

Jedoch bezeichnet der BUND diese konkreten Ziele nur als erste Schritte, die nötig seien für eine nachhaltigere und tierfreundlichere Nutztierhaltung. Die Vision ist, der intensiven Tierhaltung in ihrer heutigen Form ein Ende zu setzen.

Konkrete Kampagnen – der Deutsche Tierschutzbund

Der Deutsche Tierschutzbund nimmt sich ganz konkreter Missstände an und widmet einige seiner Kampagnen dem Bereich der Landwirtschaft. Aufgeschlüsselt nach Tierarten fordert die Organisation diese Änderungen ein:

Schweine werden für die Haltung möglichst vieler Tiere auf engem Raum regelrecht zugeschnitten: Bereits als Ferkel kupiert man im Regelfall den Ringelschwanz, ebenfalls im jungen Alter werden die männlichen Ferkel kastriert – und zwar ohne Betäubung. Eine Zange quetscht den Samenstrang ab und ein Skalpell entfernt die Hoden. Das Tier erlebt diesen Eingriff bei vollem Bewusstsein. Dass es dabei starke Schmerzen erleidet, ist unumstritten und dementsprechend auch die Forderung nach der Einstellung dieser Prozedur. Weitaus mehr diskutiert wird über das Abschleifen von Eckzähnen bei Ferkeln. Die kleinen Zähne können Verletzungen bei der Mutter verursachen, wenn diese Milchmangel hat und das Ferkel zu stark nach Milch drängt. Dennoch fordert der Deutsche Tierschutzbund die Einstellung dieses Vorgehens. Die letzte Praxis, die der Deutsche Tierschutzbund bei der Haltung von Schweinen anprangert, ist die Fixierung von Sauen im Kastenstand, die den Tieren kaum Bewegungsfreiheit lässt. Das Anbinden verhindert, dass die Sau sich auf ihre Ferkel legt. Es gibt jedoch Lösungsansätze, die das ebenso verhindern würden – ohne die Mutter festzubinden.

Eier unterliegen in Deutschland einer Kennzeichnungspflicht – das gilt jedoch nicht für weiterverarbeitete Produkte. Auf den Verpackungen von Kuchen, Mayonnaise und andern eihaltigen Produkten müssen somit keine Hinweise über die Haltungsbedingungen der Legehennen abgedruckt werden. Eine Ausweitung der Kennzeichnungspflicht würde mehr Transparenz für den Verbraucher schaffen.

Weibliche Rinder werden, wenn sie nicht mehr genug Milch geben, in der Regel geschlachtet. Einige der Tiere sind dabei trächtig. Hier fordert der Deutsche Tierschutzbund ein einheitliches EU-weites Schlachtverbot von trächtigen Rindern.

Insgesamt ist es ein Ziel der Organisation, die Billigpreise für Fleisch und Milch anzuheben und so mehr Kapazitäten zu schaffen für bessere Haltungsbedingungen sowie mehr Tierschutz für die Nutztiere.

Den Verbrauchern legt sie eine vegane oder vegetarische Ernährung ans Herz. Fällt die Umstellung schwer, empfiehlt der Deutsche Tierschutzbund zunächst eine Reduzierung von tierischen Produkten.

Massentierhaltung abschaffen – Albert Schweitzer Stiftung

Einen genauen Plan scheint die Albert Schweitzer Stiftung zu haben. Ihre langfristig erklärten Ziele sind es, die Massentierhaltung abzuschaffen und die vegane Lebensweise weit zu verbreiten. Doch auf ihrer Webseite stellt sie auch klar, dass dazu viele Zwischenschritte nötig seien. Wegen der Unvorhersehbarkeit der langfristigen Zukunft bezieht sich die Strategie immer nur auf die kommenden drei Jahre. Dabei stützt sich die Organisation auf vier Säulen, die zur Veränderung beitragen sollen: die Unternehmen selbst, die Konsumenten, Multiplikatoren wie Medien und Politik sowie das Recht.

Die Kampagnen beschäftigen sich unter anderem mit dem Verbot von Eiern aus Käfighaltung, dem Schnabelkürzen bei Küken und der Verbesserung von Haltungsbedingungen für Masthühner.

Politische Veränderung – PETA Deutschland

People for the Ethical Treatment of Animals (PETA) richtet sich direkt an den Verbraucher. Diese finden bei der Organisation Informationen über die Vorteile der veganen Lebensweise – von den ganz persönlichen hin zu den globalen –, aber auch Rezepte und Tipps. Darüber hinaus beschäftigt sich PETA global mit Tierschutzthemen. Die Kampagnen auf ihrer Webseite sind im Wesentlichen Petitionen. Die Themen sind dabei extrem vielfältig und decken einen großen Teil der Branchen ab, in denen Tiere Leid erfahren: Tierversuche für die Medizin, Leder in Kleidung, Stierkämpfe in Spanien. Einen Teilbereich widmet die Organisation den Praktiken rund um die Ernährung.

Beispielsweise möchte PETA erreichen, dass verendete Tiere immer kontrolliert werden, ehe sie zur sogenannten „Tierkörperverwertung“ gereicht werden. Dort werden die Kadaver verbrannt, wenn es sich etwa um kranke Tiere handelte. Zur Verwertung gehört jedoch auch der Bereich, der tierische Bestandteile wie Schlachtnebenprodukte und tierische Abfälle aus der Lebensmittelindustrie zu Fleischbrei verarbeitet. Bei beiden Vorgängen ist es unmöglich, im Nachhinein noch Leiden des Tiers oder Verstöße gegen Tierschutzgesetze festzustellen. Kontrollen vor der „Verwertung“ sollen solche Missstände aufdecken.

Wie andere Organisationen möchte PETA erreichen, dass männliche Küken nicht mehr getötet werden.

Bei der intensiven Haltung von Schweinen nimmt sich PETA der Betäubung der Tiere vor der Schlachtung an. Hierbei wird CO2 eingesetzt, dem die Tiere zehn bis 20 Sekunden ausgesetzt sind, ehe sie das Bewusstsein verlieren. In diesen Sekunden erleben die Tiere Erstickungsängste und bekommen Panik – dieses Leid möchte PETA stoppen.

Eine weitere Forderung möchte ich ebenfalls noch vorstellen, da sie sich nicht direkt auf das Tierwohl bezieht, aber dennoch ein wichtiges politisches Mittel ist: die Anhebung des Steuersatzes. Zurzeit werden bei tierischen Produkten in der Regel nur sieben Prozent Mehrwertsteuer erhoben, bei pflanzlichen Ersatzprodukten wie beispielsweise Sojamilch jedoch 19 Prozent. PETA hofft, dass durch eine Angleichung des Steuersatzes auf 19 Prozent die Verbraucher eher pflanzliche Produkte wählen, da tierische Produkte dadurch teurer würden. Außerdem argumentiert die Organisation, dass tierische Produkte höhere Umweltkosten verursachen und diese Tatsache in der Vergabe des Steuersatzes berücksichtigt werden müsse. Ein Nachteil dieser Maßnahme ist, dass günstige Fleischprodukte einen geringeren Preisanstieg verzeichnen würden als hochpreisige Waren, etwa aus Bio-Erzeugnissen. Billigfleisch wäre im Verhältnis also noch günstiger.

Grafik: Änderungen des Preises bei Anhebung der Mehrwertsteuer für Fleisch
Eine Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes würde den Preisunterschied verstärken. (Quelle: Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique)

Hilfe zur Selbsthilfe – Animal Equality

Animal Equality setzt im Gegensatz zu den anderen vorgestellten Organisationen ausschließlich auf die Konsumenten: Mithilfe von Aufklärungsarbeit, Recherchen, die medienwirksam veröffentlicht werden, sowie der Unterstützung bei der Ernährungsumstellung sollen die Menschen zu einem tierleidfreien Miteinander geführt werden. Dementsprechend stellen sie ihre Forderung letztlich nur dem Konsumenten, Teil eines langfristigen sozialen Wandels zu werden und sich gegen den Kauf von Produkten aus Massentierhaltung zu entscheiden.

Kann ein Austritt aus der Massentierhaltung gelingen?

Bei all den Forderungen sollte man eines nie aus dem Blick verlieren: Dass die einzelnen Forderungen für sich – beispielsweise das Töten männlicher Küken zu verbieten – nicht die intensive Nutztierhaltung abschaffen werden. Sie können nur Etappen sein auf dem Weg in eine Landwirtschaft, in der Tiere nicht mehr wie eine Ware betrachtet und behandelt werden. Ob sich eine Abschaffung der Massentierhaltung in naher Zukunft realisieren lässt, wage ich jedoch ganz klar zu bezweifeln. Zu groß sind die notwendigen Veränderungen, zu viele Beteiligte im Spiel: Landwirte, große Lebensmittelunternehmen, Politik, Konsumenten, ein internationaler Markt. Daher habe ich eine persönliche Entscheidung getroffen: Ich möchte mit einer Industrie, die so viel Leid verursacht und zugleich einer der größten Verursacher des Klimawandels ist, nichts zu tun haben. Ich möchte das nicht unterstützen – also verzichte ich auf Fleisch und inzwischen auch weitgehend auf Milchprodukte und Eier.

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